Zum Tod von Paul Mazursky : Der sanfte Satiriker

Paul Mazursky war Spezialist für bittersüße Komödien und die Neurosen der amerikanischen Mittelschicht: Nun ist der Hollywood-Regisseur im Alter von 84 in Los Angeles gestorben.

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Gerührt, nicht geschüttelt: Paul Mazursky mit Martini im Dezember 2012 auf der Walk of Fame in Hollywood, wo er mit einer Sternenplakette geehrt wurde.
Gerührt, nicht geschüttelt: Paul Mazursky mit Martini im Dezember 2012 auf der Walk of Fame in Hollywood, wo er mit einer...Foto: dpa

Er hat Isaac Bashevis Singers Bestsellerroman "Feinde - Die Geschichte einer Liebe" verfilmt, mit Ron Silver, Lena Olin und Anjelica Huston. Er hat sich die Möchtergern-High-Society von Beverly Hills vorgeknöpft, in seiner sarkastischen Komödie "Zoff in Beverly Hills" von 1986 mit Bette Midler und Richard Dreyfuss. Darin taucht Nick Nolte als Obdachloser in einer Neureichen-Villa auf und wirbelt die Familie tüchtig durcheinander, einschließlich des schwulen Sohns, der magersüchtigen Tochter, des unterdrückten Dienstpersonals und des traumatisierten Hundes Matisse samt Hundetherapeut. Und er hat mit "Eine entheiratete Frau" (1978) das Singledasein einer von ihrem Ehemann verlassenen New Yorkerin beobachtet, mit leisem Erstaunen: Hollywood-Regisseur Paul Mazursky war ein Spezialist fürs Bittersüße, für die unterhaltsam verpackte Gesellschafts- und Milieustudie. Nun ist Mazursky im Alter von 84 Jahren in einem Krankenhaus in Los Angeles gestorben.

Der fünffach für einen Oscar nominierte Filmemacher, Drehbuchautor, Produzentund Schauspieler saß vergangenen Dezember bereits im Rollstuhl, als er auf Hollywoods Walk of Fame doch noch mit einer Sternenplakette geehrt wurde. Zu den Gästen und Freunden, die ihn feierten, zählte auch der Komödiant und Regisseur Mel Brooks, der nun auf Twitter seine Trauer bekundete und schrieb. „Er war unserer amerikanischer Fellini.“
Als Nachfahre ukrainischer Juden 1930 in New York geboren, wuchs Mazursky in Brooklyn auf und begann seine Karriere zunächst als Schauspieler, unter anderem in Stanley Kubricks erstem Spielfilm "Fear and Desire" von 1953 und in "A Star ist Born" an der Seite von Barbra Streisand. In Hollywood verdiente er sein Geld zunächst als Drehbuchautor für Fernsehserien. Keine schlechte Voraussetzung, um zum Chronisten der Auf- und Umbrüche der 60er- und 70er-Jahre zu werden. Schon in seinem Regiedebüt von 1969 praktizierte er eine Mischung aus Komödie und Sozialrealismus: Die Beziehungssatire „Bob & Carol & Ted & Alice“ griff das Tabuthema sexuelle Freiheit in der Ehe auf, erzählte von Partnertausch, Verklemmtheit und Libertinage. Der Film eröffnete als erste US-Produktion das internationale New York Film Festival und wurde vom Publikum wie von der Kritik gleichermaßen gefeiert, auch von Pauline Kael, Amerikas damals bedeutendster Filmkritikerin. Immer wieder befasste sich Mazursky mit der amerikanischen Mittelschicht, mit ihren Ehe-Arrangements und Beziehungstragikomödien, den Selbstbehauptungsmechanismen, der Fassade des Wohlstands und den Neurosen dahinter, der Verlorenheit einer ganzen Generation - in Filmen wie „Heirat ausgeschlossen“ oder „Harry und Tonto“.

Mazursky war ein Autorenfilmer des Mainstreamkinos, der viele seiner Werke selbst produzierte. Ein "sanfter Satiriker", wie die "L.A. Times" schrieb. Und ein Schauspieler-Regisseur. Noch im Alter begann er seinen Tag jeden Morgen mit einem Pappbecher Kaffee vor Farmer's Market in L.A., um mit seinen Freunden zu plaudern und Witze auszuprobieren. Das Credo des Lee-Strasberg-Schülers zum Thema Schauspielerei lautete: "Vergiss die Methode, das Wichtigste ist die Ehrlichkeit." So inszenierte er nicht nur die Hollywoodstars vor der Kamera, sondern animierte auch weniger bekannte Akteure zu Höchstleistungen. Wie Jill Clayburghs "entheiratete Frau" Erica sich mit wechselnden Männern verabredet, um sich selbst neu zu erfinden, diese erotische und seelische Odyssee einer Frau berührt einen noch heute. Eher zwiespältig aufgenommen wurde Mazurskys Komödie „Ein ganz normaler Hochzeitstag“ (1991), in der Woody Allen und Bette Midler als lange verheiratetes kalifornisches Paar den Frust und Zoff ihres Ehelebens in einer Shopping Mall austragen.

In den letzten Jahren wurde es ruhiger um das Multitalent Mazursky. Immer wieder trat er in Nebenrollen auf, als Richter in Brian de Palmas Gangsterfilm in "Carlito's Way" (1993) oder als Kleingangster am Pokertisch in der Kultserie "Die Sopranos". Für seine letzte Regiearbeit kehrte Mazursky 2006 in das Land seiner Vorfahren zurück und porträtierte im Dokumentarfilm "Yippee" chassidische Juden in der Ukraine. Sein jüdischer Humor und sein Blick auf die Absurditäten der menschlichen Existenz wurden gern mit dem von Woody Allen verglichen. Und was das Melodramatische in seinem Werk betrifft, meinte er selbst einmal: "Meine Filme sind nicht sentimental, sie stecken einfach nur voller Sentiment." (mit dpa)

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