Zum Tod von Simone Veil : Mahnerin und Ministerin

Sie überlebte Auschwitz und Bergen-Belsen. Danach empfand sie es als Auftrag, von der Shoah zu berichten. Später machte sie als Politikerin und Feministin Karriere. Simone Veil starb mit 89 Jahren.

Christian Schröder
Simone Veil.
Simone Veil.Foto: AFP

„Es gibt da keinen Sinn“, hat sie in einem Interview gesagt. Simone Veil war eine Überlebende. Ihr ganzes Leben hat sie sich mit der Shoah beschäftigt. Begreifen konnte sie den Völkermord trotzdem nie. „Der einzige Sinn bestand darin, die Juden zu verhaften und umzubringen. Es gibt da keinen Sinn. In eine Weltsicht lässt sich das nicht einordnen.“ 1927 in Nizza geboren, war Veil – Geburtsname: Jacob – 1944 mit ihrer Familie verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Die Selektion bei der Ankunft überstand sie nur, weil sie behauptete, 18 zu sein. Die Mutter starb später in Bergen-Belsen, Vater und Bruder wurden nach Litauen gebracht und blieben verschollen.

Sie sah sich als Stellvertreterin

Ihr Schicksal hat Simone Veil als Auftrag verstanden. Wenn sie von dem berichtete, was sie in Auschwitz und im Januar 1945 auf dem Todesmarsch zum KZ Bergen-Belsen erlebt hatte, dann tat sie das auch stellvertretend. Denn die Toten konnten nicht mehr reden. „Aus Frankreich wurden 75000 Juden deportiert. Von ihnen kamen 2500 zurück. Und die meisten von uns hatten das Gefühl, wir müssen darüber sprechen, auch wenn es schwer ist.“ „Und dennoch leben“ heißt ihre 2007 erschienene Autobiografie, zu deren erschütterndsten Passagen die Erinnerungen an das wochenlange Sterben der typhuskranken Mutter gehören. Überlebt hat sie durch Glück - und weil Menschen ihr geholfen haben. "Als wir eines Tages zur Lagerarbeit gingen, kam die Aufseherin, eine ehemalige Prostituierte, auf mich zu und sagte: Du bist wirklich zu hübsch, um hier zu sterben. Ich schicke dich woandershin. Sie sorgte dafür, dass auch meine Schwester und meine Mutter nach Bergen-Belsen kamen. Später traf ich sie dort wieder. Als Lagerführerin teilte sie mich zum Küchendienst ein, das rettete uns vor dem Hungertod." Aber gegen den Typhus war die Familie machtlos. Nach der Mutter Yvonne starb auch die Schwester Madeleine, genannt Milou, an den Folgen der Erkrankung.

Ihr Motto: Dennoch leben

Britische Truppen befreiten Bergen-Belsen, doch Simone Veil fiel es lange schwer, in der Freiheit anzukommen. "Anfangs konnte ich monatelang nicht in einem Bett schlafen, nur auf dem Boden, wie im Lager", hat sie dem tagesspiegel in einem langen Interview erzählt. "Ich hatte oft davon geträumt zu studieren, sollte ich eines Tages heimkehren. Als ich dann im Mai nach Paris kam, schrieb ich mich gleich am Institut für Politikwissenschaften ein. Dort begegnete ich meinem späteren Mann, Antoine Veil." Dennoch leben: Aus diesem Vorsatz wurde eine steile Karriere. Als zweite Frau auf einem französischen Ministerposten leitete die Juristin ab 1974 das Gesundheits- und ab 1993 das Sozialressort, dazwischen fungierte sie als Präsidentin des Europäischen Parlaments. Das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung hat die erklärte Feministin gegen eine männliche Übermacht im Parlament erkämpft." Sollte ich den Moment meines Todes bewusst miterleben, werde ich an die Deportation denken. Sie hat mein Leben bestimmt", hat sie gesagt. Simone Veil ist am Freitag in Paris gestorben. Sie wurde 89 Jahre alt.

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