Kultur : Zum Tod von Vittorio Gassman: Der Athlet des italienischen Theaters

Clemens Wergin

Im Jahr 1960 unternahm Vittorio Gassman mit seinem "Teatro Popolare Italiano" den Versuch, die Klassiker des Theaters unters Volk zu bringen. Fast 3000 Menschen fasste das Zelt, mit dem er durch Italien zog. Aber diese Art von volksnahem, realistischem Theater hatte auch seine Tücken: Meist waren es Schulklassen, die wegen des geringen Eintrittsgeldes in die Vorstellungen kamen und mit Unterhaltungen, Essen und Rumknutschen deutlich machten, dass sie sich nicht im Geringsten um Gassmans geliebte Klassiker scherten. Legendär jene Nachmittagsvorstellung in Rom, auf dem Gelände des heutigen Olympiastadions: Gassman reitet als Manzonis "Adelchi" über das Schlachtfeld im Susa-Tal. Gerade als Gassman zum großen Monolog ansetzt, geschieht die Katastrophe: Sein Schimmel pinkelt einem getöteten Soldaten auf den Kopf, worauf dieser von den Toten aufersteht und im wüstesten römischen Dialekt zu fluchen beginnt. Die Schüler toben, das Pferd scheut und Gassman schäumt vor Wut.

Dabei musste er sich gar nicht auf solche pädagogischen Maßnahmen einlassen, hatte Gassman sich doch schon seit den 50ern als Filmschauspieler in die Herzen der Italiener gespielt. Dennoch blieb der 1922 in Genf als Sohn eines Karlsruher Ingenieurs und einer toskanischen Mutter geborene Gassman immer ein Theater-Verrückter, der alle großen Rollen von Shakespeare bis Pirandello spielte. Mit "Bitterer Reis" (1949), "Krieg und Frieden" (1956) und "Profumo di Donna", der ihm 1975 den Darstellerpreis in Cannes einbrachte, gelang ihm der Durchbruch im internationalen Film. Als Jugendlicher hatte es Gassman mit seinen 1 Meter 90 Höhe zum Basketball-Nationalspieler gebracht. Sein Stil auf der Bühne wird oft als "athletisch" und gleichzeitig vergeistigt bezeichnet. Drei Jahre leitete er in Florenz die Theaterschule "Bottega del teatro", wo er versuchte, einer nachfolgenden Generation das Theater als Mannschaftsspiel und sublime geistige Übung zu vermitteln. Mit drei Ehen war Gassman nicht gerade glücklich in Familiendingen. Als er gestern in Rom 77-jährig an Herzversagen verstarb, hinterließ er aber dennoch ein bestelltes Haus: Sein Sohn Alessandro tritt in die gigantischen Fußstapfen des Vaters, der als größter Schauspieler seiner Generation galt.

Während Gassman im Alter mit "Othello" noch einmal Erfolge feierte, bekämpfte er seine häufigen Depressionen mit der Schriftstellerei. So legte er in "Un grande avvenire dietro le spalle" (Eine große Zukunft hinter sich) Rechenschaft über sein Schauspielerleben ab, veröffentlichte mit "Memorie di un sottoscala" (Memoiren eines Stauraums) einen Roman und eine Sammlung von Erzählungen ("Mal di parola" - Wortschmerzen). Ganz der große Schauspieler, dessen Gesicht mit den Jahren immer vergeistigter und charaktervoller wurde, hat er auch seinen letzten Abgang vorbereitet: Vor drei Jahren lieh er dem Papst seine Stimme und nahm eine CD mit Gedichten des Heiligen Vaters auf. Fürs Jenseits ist er somit bestens gerüstet.

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