Zum vergangenen Volkstrauertag : Stich ins Herz

Tod und Trauer gehören eng zusammen. Aber was noch größer ist als die Angst vor dem Tod, ist die, lebendig begraben zu werden. Eine Kolumne.

Gunda Bartels
Am Totensonntag gedenken viele ihrer verstorbenen Angehörigen. Foto: dpa
Am Totensonntag gedenken viele ihrer verstorbenen Angehörigen.Foto: dpa

Im Dorf der Kindertage heißen sie immer noch so: die stillen Sonntage, erfüllt von Wehmut und Würde. Auf den gerade vergangenen Volkstrauertag folgt der Totensonntag, den Christen Ewigkeitssonntag nennen. Am einen ist Friedensfeierstunde am Kriegerdenkmal, am anderen werden die Namen der Verstorbenen des Jahres in der Kirche verlesen, und die Menschen ziehen mit Rechen und Tannengrün zu den Friedhöfen. Und für den, der das Rieseln der Sanduhr hören kann, wird die ach so unübersichtliche Welt im Novemberfrost licht und klar. Gewissheit stellt sich ein: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Apropos Schwein. In Kassel, wo sie entgegen allgemeiner Annahme eben nicht den vielmehr einem Berliner Fleischermeister namens Cassel zuzuschreibenden Kasslerbraten erfunden haben, liegen sie dafür in Sachen Sterbekultur weit vorne. Dort nebelt das famose Museum für Sepulkralkultur mit seiner derzeitigen Ausstellung letzte Eindeutigkeiten wieder gründlich ein. Unter dem beunruhigenden Titel „Vita Dubia – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“ (Infos: www.sepulkralmuseum.de) sind ausgerechnet bis Ostern kommenden Jahres Gegenstände wie Herzstichmesser und Klistiere ausgestellt, mit denen im 18. Jahrhundert Scheintote wahlweise getötet oder wiedererweckt werden sollten.

Neue Bestattungsrituale für Individualisten

Die Furcht vor einer Beerdigung nicht nach, sondern vor dem Ableben, ist seltsamerweise auch in heutigen, medizinisch fortgeschrittenen Zeiten weit verbreitet. 2007 erst wurde ein Patent auf ein elektronisches Überwachungssystem angemeldet, das plötzliche Veränderungen in Särgen anzeigt. Nicht, dass noch einer drinnen die Erdschollen draufpoltern hören muss, bevor er einen letzten Gruß gesprochen hat.

„How to say Goodbye?“ – der Frage gehen am kommenden Sonntag in Berlin und Kreuzberg auch Popmusiker Jens Friebe, Künstler Andreas Eschment und der Theologe und Bestatter Oliver Wirthmann nach. Und zwar im Rahmen einer „Deathlab“ genannten Gesprächsreihe über Tod und Kunst (Infos: www.deathlab.de). Neue Bestattungsrituale für eine Gesellschaft von Individualisten, das ist das Thema. Eine stimmungsvolle Beerdigungsmusik gehört zweifellos dazu. Auf dass es noch einmal laut werde, bevor die ewige Stille eintritt.

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