Kultur : Zunge zeigen

Eine

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von Marius Meller

Postwertzeichen haben etwas Anzügliches. Seine Briefmarkensammlung kann niemand mehr vorzeigen, ohne Hintergedanken zu provozieren. Aber die Anzüglichkeit liegt tiefer, ganz tief unten im OralSymbolischen: Den Bundespräsidenten, den Kölner Dom oder Hildegard Knef mit der Zunge von hinten zu befeuchten, um sie auf einem Poststück zu platzieren und abschließend durch einen Faustschlag oder ein Rubbeln mit dem Daumen zu fixieren – Freudianern kann übel dabei werden, wenn kulturelle Gedächtnisarbeit durch den Einsatz von Körpersekret besiegelt werden soll. So geht der Trend seit einiger Zeit auch in Richtung selbstklebender StrichcodePseudo-Briefmarken – schade eigentlich. Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die in ihren düsteren Weltfluchttexten den Ekel vorm Körper beschwört, hat sich, wie soeben gemeldet, ausdrücklich verbeten, von ihrer heimatlichen Post durch eine Ein-Euro-Marke mit ihrem Konterfei philatelistisch verewigt zu werden. Schon zur Verleihung des Literaturnobelpreises erschien sie nicht persönlich, so dass man auch die neuerliche Weigerung als Bescheidenheitsgeste einer ganz dem Werk verschriebenen Autorin deuten könnte. Jelinek-Kenner aber müssen befürchten, dass es sich um einen Akt symbolischer Hygiene handelt.

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