Kultur : Zur Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Krakau

Gregor Dotzauer

Um die deutsche Literatur in einem Glanz zu erleben, der ihr ganz fremd geworden ist, muss man nur ins Ausland fahren. In Krakau etwa kann man Menschen finden, die von Rilkes "Duineser Elegien" schwärmen, sie zählten zum Größten, was ihnen zugestoßen sei, und überhaupt bleibe das Deutsche die Sprache von Stefan George, Paul Celan und Nelly Sachs. Ein Bekenntnis, das in prosaischen Zeiten allen das Herz wärmen muss, die wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung etwas zu bewahren trachten, das sich keineswegs erledigt hat, doch den Zugang zu einer Erkenntnis voraussetzt, deren Privilegien nicht mehr ungehindert gelten. Es ist nicht jedermanns Sache, sich täglich einen Fingerhut Trakl, zwei Teelöffel Hölderlin und einen doppelten Brecht zu genehmigen, um den Kontakt mit den Möglichkeiten der deutschen Sprache aufrecht zu erhalten. Und verordnet haben will man es schon gar nicht.

Gut: Der Rilke-Verehrer, der die Akademie bei ihrer Krakauer Frühjahrstagung bestärkte, war kein normaler Leser. Ryszard Krynicki, mit dem Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland ausgezeichnet, ist selbst Dichter, Verleger und Übersetzer: ein Wächter am Tor der eigenen Sprache. Doch so, wie er den Blick auf Deutschland richtet, so schaut Polen zurück - mit einer Erfahrung und Würde, die wiederum ein Bild seines Landes entwirft, das den Alltag, auch den literarischen, nicht prägt. "Über die Bilder, die wir von unseren Nachbarn im Kopf herumtragen, entscheidet zuallerletzt die Literatur", erklärte Heinrich Olschowsky, Polonist an der Berliner Humboldt-Universität. Aber es sei ihre Aufgabe, sich damit auseinander zu setzen.

Wo allerdings steckt dieses Polen in Krakau, einer der europäischen Kulturhauptstädte 2000? Der Stadtkern ist ein auf Hochglanz poliertes Ausstellungsstück, und wenn auf dem Marktplatz die Sonne über den mittelalterlichen Tuchhallen aufgeht, kann man glatt in einen architektonischen Schönheitsrausch verfallen. Hin und wieder drückt sich noch eine unrenovierte Fassade um die Straßenecke - lange kommt sie damit sicher nicht mehr durch. In den zahllosen Boutiquen gibt es dieselben Marken und Schnitte wie in München, London oder Rom. In den Kneipen läuft dieselbe Musik. Im Miasto Krakoff, der größten Diskothek, legen zwei DJs aus Berlin auf, und die vielhundertköpfige Menge ähnelt einer deutschen Crowd bis auf den Haarschnitt. Die Restaurants und Imbissstände bieten die gesamte Küche dieser Welt, vom Japaner über den Griechen bis zum Kebab Grill - nur dass Polen das Fleisch von den Spießen säbeln. Nicht einmal an den Gesichtern der elegant gekleideten jungen Leute lässt sich ablesen, dass man sich außerhalb von Westeuropa befindet. Wenn man sich nicht in die Außenbezirke verirrt, scheint der einzige Unterschied darin zu bestehen, dass die Leute Polnisch sprechen. Aber das, denkt man, werden sie sich auch noch abgewöhnen.

Krakau ist ein wunderbares Beispiel für die Überlagerung von Erinnern und Vergessen, Geschichtslast und Geschichtsvernichtung, von Museum und lebendiger Studentenszene - eine Stadt, der man die "erkämpfte Freundschaft" zwischen Deutschen und Polen, die Reinhart Koselleck in einem Vortrag über geteiltes und gebrochenes Leid ergründete, nicht ansieht. Bei Koselleck war noch einmal die Rede von dem gestörten Verhältnis der beiden Länder, einer Verspannung, die nicht erst mit der Besetzung Polens durch die Deutschen 1939 beginnt und mit den Vertreibungen nach dem Krieg nicht endet. Es war der Versuch, begrifflich Ordnung in einem Gelände zu schaffen, das von der Verwechslung primärer (individueller, leiblicher) und sekundärer (kollektiver, die eigene Lebenszeit sprengender) Erinnerung geprägt wird - und dem Ineinssetzen von Verantwortung, Schuld und Haftung.

Kosellecks Ausführungen flankierten theoretisch, was Heinrich Olschowsky an literarischen Exempeln zeigte: wie sich die Polen lange in einer reinen Opferrolle eingerichtet hätten. Es bedurfte offenbar erst eines Autors wie Stefan Chwin, Jahrgang 1949, um mit "Der Tod in Danzig" (Hannemann, 1997) eine Figur zu erfinden, die in Polen eine deutsche Geschichte vor und eine Geschichte nach 1945 haben durfte. Mit Revanchismus hat das nichts zu tun, nur eben mit einer Teilung des Leids, das für ein Land, das im Zweiten Weltkrieg zwanzig Prozent seiner Bevölkerung einbüßte, mehr als jede andere Nation, unvorstellbar gewesen sein muss - und für einige nur zu ertragen, in dem sie die 3,7 Millionen polnischen Juden unter den 6,2 Millionen Toten mehr oder weniger ignorierten. Es ist verständlich, dass sich die erzählende Literatur der Polen bis heute immer wieder an historischen Themen abarbeitet und nicht so frech ins oft freischwebend Weltliterarische aufbricht wie die Ungarn. Dafür war Polen immer ein Land der Poesie mit Weltgeltung, was im Herbst der Polen-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse hoffentlich publikumswirksam beweist.

Der heimliche Star der Frühjahrstagung war folgerichtig ein Lyriker: der verstorbene Zbigniew Herbert, vor dem sich Henryk Bereska, Peter Hamm und Michael Krüger verneigten. Der geistige Vater des Herrn Cogito hat die gesamte europäische Poesie beeinflusst. Der offene Star dagegen war Wislawa Szymborska, aber auch sie, die Nobelpreisträgerin von 1996, eigentlich nur ein Geist. Durch den Seiteneingang des Internationalen Kulturzentrums erklomm sie zusammen mit ihrem Freund und Übersetzer Karl Dedecius die Bühne, eine selbstbewusste agile Dame von 77 Jahren - und ein Troll mit einem rätselhaft spöttischen Lächeln, das ihr schon Vergleiche mit der Gioconda eingetragen hat. Sie las, und bereits während des Lesens fingen ihre Konturen zu verblassen an, bis sie nach einem Anstandsaufenthalt während der Lesung von Durs Grünbein schon fast unsichtbar in ihr Elfenreich verschwand. Bitte keine Fragen, keine Fotos. Do widzenia! Auf Nimmerwiedersehen.

Und die jungen polnischen Dichter? Vom Jahrgang her war der jüngste Artur Sloszarek, geboren 1968. Mental war es Janusz Rudnicki, Jahrgang 1956, ein Ironiker vor dem Herrn. Aber Altersfragen sind ein wunder Punkt bei einer Akademie, die keinem unter dreißig traut. Ihre Überalterung macht es schwer, sich mit einer Generation zu verständigen, die es gelernt hat, verschiedenste Lebenswelten zu bewohnen statt die Dinge nur aus einer klassizistischen Perspektive anzuschauen. Jugend ist kein Verdienst und Alter kein Makel, doch eine Institution lebendig zu halten, ist eine verdammte Pflicht. Es ist erschreckend, den diesjährigen Johann-Heinrich-Voß Preisträger für literarische Übersetzung - der 1963 geborene Armin Eidherr hat sich um jiddische Klassiker verdient gemacht - den Bildungsdünkel eines Hans Wollschläger beschwören zu hören. Wollschlägers Rede "In diesen geistfernen Zeiten" (1976) sollte der Anerkennung des Übersetzerstands helfen, aber es war nur ein kulturkonservativer Amoklauf. Es ist dann befriedigend, dass der designierte Büchner-Preisträger Volker Braun, der mit seinen 60 Jahren das akademiefähige Alter erreicht hat, besonders in seiner Lyrik eine jugendliche Beweglichkeit bewahrt hat. Sie denkt hinunter zu den tiefsten gesellschaftlichen Widersprüchen, um die Schwere der Überlegungen anschließend mit einem ironischen Schlussvers wegzuwischen. Jetzt wird meine Arbeit auch nicht leichter, sagte Braun, nachdem er die Nachricht von seiner Auszeichnung erreichte. Wahre Bescheidenheit.

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