Zur Halbzeit von Tanz im August : Bang Bang, I Danced You Down

Auf das Reenactment von Robert Kennedys Ermordung folgt der Chachacha, erfahrene Tänzer entdecken ihren Körper neu - und Senioren beleben die Legenden wieder. Zur Halbzeit von Tanz im August.

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Gus Salomon Jr. bei der Aufführung von "Monument 0.2".
Gus Salomon Jr. bei der Aufführung von "Monument 0.2".Foto: promo

Tänzer mit der Knarre, das ist ein ungewohnter Anblick. Für VA Wölfl, der das Düsseldorfer Ensemble Neuer Tanz leitet, sind Pistolen ein bevorzugtes Requisit. Auch in seiner neuesten Arbeit „von mit nach t: No 2”, die beim Tanz im August im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wurde, wird mit Waffe getanzt. Wohl nicht nur deswegen machten manche Zuschauer ihrem Unmut mit Buhs und Zwischenrufen Luft. Das Mitte der 80er Jahre gegründete Tanzensemble behauptet bis heute seinen Avantgarde-Status. VA Wölfl unterläuft mit beinharter Konsequenz die Erwartungen an ein Tanzstück und pfeift auf Verständlichkeit. Er zwingt zusammen, was nicht zusammen gehört. Der Tanz ist nur ein Element in der Gesamtkomposition.

Das Stück hat etwas von einem Happening und ist zugleich ein ironisches 60er-Reenactment. In der rechten Hand halten die Tänzer einen Revolver, in der linken eine Bibel. Wenn sie die Erschießung Robert Kennedys 1968 nachstellen, tragen sie Brautkleider und gruppieren sich zu einem suggestiven Gruppenbild – eine Art weißes Ballett. Böser Humor durchzieht das Stück. Ein Autowrack wird am Seil hochgezogen. Der Sponsor sei der Autohersteller Lexus, behauptet ein durchtriebener Moderator. Auch ein Werbeclip von einer Autoversicherung wird eingespielt. Jeglicher Inhalt wird von der Unterhaltungsindustrie vaporisiert. Nach der Erinnerung an das Attentat heißt es auf einmal: Chachacha. Der Blick des bildenden Künstlers ist hier erkennbar. Beim Lichtdesign hat Wölfl sich von der Farblehre Le Corbusiers inspirieren lassen. Die Bilder, die er entwirft, haben hohen ästhetischen Reiz und ambivalente Aussagen. Das ist das Irritierende an dem Stück. Mir seiner Ironie und Verweigerungshaltung vermag das Ensemble immer noch zu provozieren.

Beim Tanz im August stellte sich auch das neu gegründete Dance On Ensemble vor. Das Pilotprojekt, das mit 1,5 Millionen Euro aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird, will demonstrieren, dass Tänzer über 40 noch längst nicht zum alten Eisen gehören. „7 Dialogues“ versammelt sechs kurze Soli, die die Tänzer jeweils in „Tandems“ mit einem anderen Künstler erarbeitet haben. Der siebte im Bunde ist der Komponist Matteo Fargeon, der die Performer am Flügel begleitet und sie kurz einführt, indem er etwa ihr Lieblingsessen verrät. In den Miniaturen schimmerte zwar das tänzerische Können und die Ausdruckskraft der Performer durch – alle sechs sind superfit! – doch die Soli sind nicht mehr als kleine Fingerübungen.

„Those specks of dust“ von Kat Válastur, die dritte Arbeit für das Ensemble, wurde jetzt beim Tanz im August uraufgeführt. Die Berliner Choreografin hatte eine schräge Idee: Anstatt die Erfahrungen der Tänzer zu nutzen, will sie die Empfindung des ersten Mals zurückrufen. „Wow“ rufen die Tänzer und tun so, als ob sie ihren Körper ganz neu entdecken. Der Wow-Effekt stellt sich aber leider nicht beim Publikum ein. Kein guter Start für das Dance on Ensemble. Den Tänzern wünscht man Choreografen, die ihre Talente auch zu nutzen wissen.

Nach einem eher mauen Start von Eszter Salamons Choreografie „Monument 0.1“ begeistern die Senioren Valda Setterfield und Gus Solomons Jr. mit „Monument 0.2“, ein Dialog mit der Architektur der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Valda ist hinreißend, wenn sie Cunningham-Bewegungen demonstriert und an Solomon weitergibt. Die Legenden, sie tanzen noch.

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