ZUR PERSON : „Beethoven fordert Gott heraus“

Heute wird Kurt Masur 80 Jahre alt – ein Gespräch über DDR-Repressionen, den Herbst ’89 und nette New Yorker

Es gibt in Ihrer Jugend zwei musikalische Schlüsselerlebnisse als Hörer: Bachs „Kunst der Fuge“ und Beethovens Neunte. Wie haben diese beiden Urknall-Erfahrungen Ihren Weg beeinflusst?

Bach eigentlich pausenlos, obwohl ich Angst davor hatte, seine Werke selbst zu dirigieren. Ich wollte Organist werden, und als der Arzt bei einer Handuntersuchung feststellte, dass das nie sein kann, weil die Finger verkrüppeln werden im Laufe der Zeit, war ich ratlos. Und dann, nach diesem Konzert mit der Neunten, sagte ich mir: Vielleicht kannst du Dirigent werden? Ich spürte, dass bei Beethoven etwas existierte, was es auch bei Bach gab: die Vorstellung einer göttlichen Kraft. Wenn ich heute die „Missa Solemnis“ dirigiere, wird mir sehr klar, wie Beethoven Gott als Partner ansieht und ihn sogar anspricht: Wenn du nicht zeigen kannst, dass du Gott bist – wie sollen wir an dich glauben? Es sind Forderungen an Gott, die bei Beethoven gestellt werden. Bachs innere Festigkeit ist das Geheimnis seiner Musik. Bei Beethoven ist die innere Unruhe mit einer enormen Sehnsucht verbunden. Mit ihm geschah ein Wunder in einer Zeit, in der er allein lebte, in der er krank war, total taub und trotzdem den Auftrag spürte, eine Sinfonie zu schreiben, die die Hoffnungen der Menschheit ausdrückt.

In Ihrer Biografie schreiben Sie: „Ich wollte meine Scheu überwinden, mich nicht mehr blamieren, nicht belächelt werden.“ Auch darum sind Sie Dirigent geworden?

Ich habe später an der Leipziger Oper sogar überlegt, Tonmeister zu werden. Dann hätte ich in Ruhe arbeiten können. Es ist natürlich in jungen Jahren schwer, weil man sich erst einen gewissen Respekt bei den Musikern verdienen muss. Heute ist es wahrscheinlich noch schwerer, weil die Ausbildung auf einem so hohen Standard ist. Deswegen gebe ich jetzt auch mehr Meisterklassen für junge Dirigenten, um ihnen Wege zu zeigen, überzeugend auf Orchester zu wirken. Ich sage immer wieder: Wenn ihr ein Orchester nicht dazu bringen könnt, dass es besser spielt, wenn ihr dirigiert, als wenn es allein spielt, seid ihr keine Dirigenten.

1960 wurden Sie Chefdirigent an der Komischen Oper Berlin. Nach vier Jahren kündigten Sie dort, und es beginnt eine dreijährige, staatlich verordnete „Arbeitslosigkeit“ für Sie. Waren das auch Jahre des Selbstzweifels und der Ungewissheit?

Ich merkte in der Zeit, dass der Staat in der Lage gewesen wäre, den Namen, den ich mir inzwischen erarbeitet hatte, auch wieder auszulöschen. Der Komponist Wagner-Régeny sagte mir damals: Solange bis du aus dieser Situation herauskommst, musst du versuchen, so viel zu arbeiten, dass hinterher alle erstaunt sind, wie gut du geworden bist. Das war für mich der wertvollste Hinweis in dieser schweren Zeit. Am Schluss musste ich sogar mein Auto verkaufen, um finanziell zurechtzukommen.

Das Jahr 1967 brachte dann die Wende zum Guten ...

Auf einmal wollten mich die Dresdner Philharmoniker als Chef haben, und das half mir wieder auf die Beine. Dann kam das Angebot von Venedig, dort „Lohengrin“ zu dirigieren. Das zwang mich, zum Minister zu gehen und zu sagen: Ich habe in Venedig zugesagt. Er antwortete: Sie können das nicht, Sie wissen das. Und ich: Gut, ich gehe aber trotzdem. Ich werde versuchen, über die Grenze zu kommen, und wenn mir was passiert, sind Sie mit schuld. Er hat mir dann hinterher gesagt: Wenn er nicht gespürt hätte, wie entschlossen ich war, hätte er mich nicht schon am nächsten Nachmittag mit einem Visum überrascht. Es hatte sich für mich eine Tür geöffnet.

1970 übernahmen Sie das Gewandhausorchester für 27 Jahre. Mit welchen Gefühlen denken Sie an die Leipziger Jahre zurück?

Es war das Fundament meines künstlerischen Lebens. Das Gewandhausorchester in seiner Klangcharakteristik, in seiner Art, Brahms, Bruckner, auch Beethoven zu spielen, war für mich damals zum Nonplusultra geworden. Es herrschte eine große Fairness. Natürlich gab es auch gefährliche Situationen, wenn manchmal mit zu viel Routine gearbeitet wurde oder sich das Orchester nicht gut vorbereitet hatte. Bis wir gemeinsam feststellten, dass es aufwärtsging.

Wie beurteilen Sie heute Ihre Rolle im Herbst 1989?

Voll Bescheidenheit. Das sogenannte Wunder von Leipzig ist ein Verdienst dieser klugen Stadt, aller Leute, ganz gleich in welcher Funktion. Denn man hätte ja auch losschießen können ohne Begründung. Aber es wurde keine Fensterscheibe eingeworfen, es wurde sogar die Wache vor dem Stasi-Gebäude von Mitarbeitern des Neuen Forums beschützt.

1991 gingen Sie dann nach New York, während sich gleichzeitig in Leipzig alles im Umbruch befand.

Ich konnte so in Leipzig mehr erreichen. Und wenn Masur nicht nach New York gegangen wäre, möchte ich nicht wissen, wie sein Schicksal hier verlaufen wäre.

Harald Schmidt hat Ihre Geburtstags- Gala im Leipziger Gewandhaus moderiert. Wie kam es dazu?

Das war eine Idee meiner Frau. Von Masur erwartet man immer die schweren Brocken. Das hat mich nie belastet, denn ich bin ein ernster Mensch. Aber gewisse Dinge erwartet man von mir gar nicht mehr. Und da mache ich mir dann den Spaß und gebe Konzerte, bei denen alle überrascht sind, dass ich damit auch etwas anfangen kann.

Zum Beispiel?

Na, zum Beispiel Lenny Bernstein in New York. Oder die Minimalisten. Ich bin kein Experte darin geworden, aber ich habe versucht, in Amerika fallen gelassene Traditionen wieder neu zu beleben – Duke Ellington, Stan Kenton, den sinfonischen Jazz.

Jetten Sie immer noch zwischen London, Paris, New York und Leipzig hin und her?

Wir haben in New York noch einen großen Freundeskreis. Dort knüpft man leichter Privatverbindungen als in Deutschland. Hier gibt es immer diese Förmlichkeit, Leute, die vor lauter Verehrung gar nicht wissen, dass sie sich natürlich benehmen sollten. In den USA kann man sich wieder als Mensch fühlen.

Das Gespräch führte Björn Achenbach.

Kurt Masur wird 1927 in Schlesien geboren, studiert in Breslau und Leipzig. Ab 1948 arbeitet er als Kapellmeister in Halle, Erfurt und Leipzig, 1955 verpflichten ihn die Dresdner Philharmoniker.

1958 wird Masur dann Generalmusikdirektor in Schwerin, wechselt aber schon 1960 an die Komische Oper Berlin. Zehn Jahre später übernimmt er die Stelle des Gewandhauskapellmeisters. Dem Leipziger Orchester bleibt er 27 Jahre treu.

Von 1991 bis 2002 leitet der Dirigent das New York Philharmonic Orchestra. Seit fünf Jahren ist er Chef des Orchestre de Paris.

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