ZUR PERSON : Nach der Glückskatastrophe

Von Berlin zurück nach Budapest: Nobelpreisträger Imre Kertész zieht in der „Letzten Einkehr“ die Summe seines Lebens.

von
Jahrhundertautor. Imre Kertész, dessen Selbstzeugnisse zum Spiegel der Welt werden. Foto: Isolde Ohlbaum
Jahrhundertautor. Imre Kertész, dessen Selbstzeugnisse zum Spiegel der Welt werden. Foto: Isolde Ohlbaum

Auf Seite 400, fast schon am Ende, spricht er selber von diesem mal scheiternden, mal werdenden Buch, nennt es sein „opus magnum ultimum ... Die Geschichte meines Todes...“

„Die letzte Einkehr“ von Imre Kertész ist tatsächlich – eine Wucht von Buch. Auch eine Unwucht.

Es sind die Tagebücher von 2001 bis 2009 des ungarischen Literaturnobelpreisträgers, abbrechend am 14. Juli 2009 und dann, auf zwei Seiten noch einmal fortgesetzt und wieder abgebrochen am 29. Juli jenes Jahres, gut drei Monate vor seinem 80. Geburtstag. Die beiden allerletzten Seiten sind noch eigens als „Exit-Tagebuch“ überschrieben.

Dieses Journal ist als großer Abgesang freilich auch im Ganzen ein Fragment und war ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Es wurde bis 2003 unter dem Titel „Geheimdatei“ geführt, danach trägt es das Signum „Garten der Trivialitäten“, und zwischenreingestreut begegnet man als Fragment im Fragment noch dem unvollendeten Projekt einer autobiographischen Fiktion, die bereits als „Letzte Einkehr“ gedacht war. Jetzt: ein Splitter vom Spiegel des Spiegels, in dem oft ganz nackt, sehr ungeschützt und bewegend der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende, der Weltstar, Ehemann, Zeitzeuge, Parkinson-Kranke auftritt – der seinen eigenen körperlichen Verfall und seine unaufhörlichen seelischen Erschütterungen schildernde, ja sezierende Mensch Imre K.

Es ist das eine große Konfession. Erklärung zum Beispiel der wunderbaren, heiklen, heillosen Liebe zu Deutschland und Berlin, der Stadt, in welcher einst seine Ausrottung befohlen wurde. Schicksal des atheistischen Juden Imre Kertész, den nach eigenem Bekunden erst Hitler und der Holocaust zum Juden gemacht haben. Eine Abrechnung auch mit seinem Unheimatland Ungarn, wo er zu Zeiten des Kommunismus verfemt war und wo er nach der Wende sofort wieder die neue Rechte und den neuen Antisemitismus erwachen sah. Man versteht, wenn man die „Letzte Einkehr“ liest, noch um einiges besser, was heute Viktor Orbans zum populistisch Totalitären tendierende Regierung für Ungarns ethnische und ethische Minderheiten bedeutet.

Als Kertész im Oktober 2002 als Fellow gerade des Berliner Wissenschaftskollegs die Nachricht von der Verleihung des Literaturnobelpreises erhält, erinnern wir uns noch an seine ungeheure, ihm wirklich nicht ganz geheure Freude. Bei einer improvisierten Pressekonferenz im Kolleg – das sonst so stille Haus im Grunewald war von Fotografen belagert – trat ein Überwältigter auf: strahlend vor kindlicher Freude, fast sprachlos, im Inneren wohl von dem Momentum auch beschämt. Im Tagebuch spricht er dann leicht ironisch vom „Hauptgewinn“, den er als Glückskatastrophe erfährt.

Aus mehrfachem Grund. Dazu muss man sich noch einmal kurz ins Gedächtnis rufen: Da ist ein Mann, der als Fünfzehnjähriger nach Auschwitz und Buchenwald deportiert wird, der später als Davongekommener sich in Budapest mit Übersetzungen aus dem Deutschen (Nietzsche, Freud, Canetti, Thomas Mann, Thomas Bernhard und Tankred Dorst) durchschlägt, der zum Brosamenerwerb ein paar längst vergessene, ungedruckte Boulevardtheatertexte schreibt und 1975 in Ungarn seinen „Roman eines Schicksallosen“ veröffentlicht. Ein Jahrhundertbuch über die erbarmungslos genau und jenseits aller beschwichtigenden Moralität beschriebene Innenwelt der Todeslager. Hierauf fast kein Echo, der Überlebende nochmals totgeschwiegen.

Über zwei Jahrzehnte muss Kertész nun weiter warten, bis er mit bald 70 Jahren als Autor und Person endlich wahrgenommen wird: durch wiederholte oder erstmalige Übersetzungen des „Schicksallosen“ und daneben auch weiterer Werke im Westen. Hinzukommt der Nobelpreis, worauf die Auflagen seiner (allesamt anspruchsvoll schwierigen) Bücher international explodieren. Neben dem Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist Imre Kertész auf einmal der berühmteste noch lebende Holocaust-Zeuge auf Erden.

Also doch wahrgenommen? Kertész sieht das Wahre und den falschen Schein als seine Wahlverwandten. Er badet, schreibt er in seinen Notaten, im späten Weltruhm wie in einem Schaum, dem er auch immer wieder „besudelt“ entsteigt. Alle Welt, außer in Ungarn, wie er ungemein bitter bemerkt, begegnet ihm plötzlich als Prominentem, als „VIP“. Alle Medien wollen Interviews mit ihm, überall Lesungen, Konferenzen, Reden, Ehrungen, Umarmungen („Der Bundespräsident ebenso wie die Verkäuferin im Wertheim“), Orden (vom Pour le Mérite bis zum Bundesverdienstkreuz). Und während ihn sein Parkinson-Zittern (kurz vor dem Nobelpreis diagnostiziert), Bandscheibenleiden, ständige Schlaflosigkeit, die Sorge um einen Tumor seiner zweiten Frau Magda – nach dem Krebstod der ersten Lebensgefährtin – und manche Malaisen mehr umtreiben, gibt er dem neuen Wohlwollen und neuen Wohlstand immerfort nach.

Das erscheint ihm bald als Theater: „...mich begleitet unentwegt ein Gefühl der Hochstapelei; ich verhalte mich wie der Imitator meiner eigenen Rolle...“ Und: „Ich bin es maßlos leid, zur Institution geworden zu sein. Fast täglich bekomme ich Bücher über Auschwitz. Was für eine Perversität! Man sollte mir lieber Witzesammlungen schicken.“ Schließlich ist er es leid, ein „Holocaust-Clown“ zu sein. Dieses Journal wird so zum unerbittlichen Zeugnis auch eines wachsenden Selbstekels. Kertész möchte nur ein Schriftsteller sein, ein Einzelgänger, Einzeldenker an seinem wegen des Parkinson-Zitterns der Hand(schrift) angeschafften Laptop, und ist doch in der Abgeschiedenheit zugleich süchtig nach Abwechslung, Gesellschaft, Anerkennung. Die ihn sofort wieder erschöpft.

Thomas Manns Tagebücher sind seine erklärten Vorbilder. Bei Mann konnte an manchen Tagen ein Weltkrieg ausbrechen, notiert aber wurde die Festigkeit des eigenen Stuhlgangs. Mit dieser urkünstlerischen Dialektik des Erhabenen und des Banalen, von Egomanie und Weltsicht spielt auch Kertész, deswegen sein „Garten der Trivialitäten“. Also erfahren wir durchaus Details über geschwollene Füße, schwindende Libido oder Ehezwist („Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie“, zitiert er Nietzsche). Aber dieses Allzumenschliche ist bei Tagebüchern, die immer auch an geheime Sehnsüchte nach Künstlerklatsch und Intimitäten rühren, der Preis.

Der Preis für das Außerordentliche. Im 1992/93 erstmals erschienenen „Galeerentagebuch“ hatte Imre Kertész mit Blick auf Thomas Manns Journale noch den Zusammenklang von schriftstellerischem Stil und „Lebensstil“ gerühmt, dagegen langweile ihn die „Aufzeichnung des Tatsachenlebens“. Allerdings gewinnt bei ihm jetzt auch das Faktische, trotz aller Wiederholungen (von Restaurantessen, Hotels in Gstaad oder auf Madeira, von folgendem Missmut), eine zwischen Fiktion und Realität, Roman und Dokument schwebende Qualität.

Wunderbare, kennerische Passagen über die Musik, ob von Beethoven, Bartók oder Barenboim. Der Tod seines alten Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld ergreifend. Der Wechsel zu Rowohlt ein sanfter Literaturbetriebsthriller. Fast Aphoristisches: „Ich liebe das schöne Leben, dem sich dunkle Gedanken zugesellen.“ Darum wird der immer wieder wegen Krankheiten und Alter erwogene Selbstmord („Ich messe den Abstand zwischen Balkon und Asphalt“) immer entschiedener verworfen. Anders als bei den Holocaust-Überlebenden Primo Levi, Paul Celan oder Carl Améry.

Seine eigene Glückskatastrophe, sein Nachleben im unaufhörlichen Wechsel zwischen Depression und Euphorie erscheint Imre Kertész zwar absurd. Doch das Absurde ist für ihn die Essenz der Existenz, deshalb sind ihm Kafka, Camus, Thomas Bernhard und Beckett, neben dem bewunderten Mann und dem Großmeister Nietzsche, die Geistesnächsten.

Keine Heimat, außer in der Literatur und bisweilen in der Liebe. Ungarn, Budapest, wo sie ihn, den ersten ungarischen Literaturnobelpreisträger, als Fremden, als Nichtungarn, weil Juden behandeln, eine doppelte Verwünschung. Israel, um das er fürchtet (mit eigenen Attacken auf den Islam, auf die arabischen Länder), keine Alternative. Berlin-Charlottenburg wird sein weltstädtisches Zufluchtsdorf.

Jetzt aber hat Imre Kertész seine Wohnung dort in der Meinekestraße aufgeben müssen, er lebt im Rollstuhl – wieder in Budapest, seiner Frau und deren Familie zuliebe. Letzte Einkehr, keine Heimkehr. Und ein großes Testament zu Lebzeiten.

Als Fünfzehnjähriger wurde der 1929 in

Budapest geborene Imre Kertész nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. Sein 1975 erschienener

„Roman eines

Schicksallosen“

wurde erst zwei

Jahrzehnte später als

gespenstisch präzise

Innenschau des Über-

lebens im Todeslager weltweit erkannt. 2002 erhielt Kertész den

Literaturnobelpreis.

Der Autor auch von

„Ich – ein anderer“, dem Roman „Fiasko“, dem „Galeerentagebuch“ und „Dossier K.“ lebte von 2001 bis 2012 überwiegend

in Berlin, vor kurzem

ist er nach Budapest

zurückgezogen.

Sein jetzt erschienenes Buch „Die Letzte

Einkehr“ enthält

die zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmten „Tagebücher 2001 – 2009“

(Rowohlt Verlag,

465 Seiten, 24,95 €).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben