ZUR PERSON : Plötzlich bist du nur noch Fleisch

Hauptdarstellerin Nina Hoss über das Kriegsende in Berlin, den Humor der Frauen und die Sehnsucht nach Würde

Frau Hoss, Anonyma hat Ähnlichkeiten mit Ihrer ersten großen Rolle, dem Mädchen Rosemarie. Auch eine starke Frauenfigur, die sich gegen die Männerwelt behauptet, indem sie sich sexuell unterwirft. Ging Ihnen das durch den Kopf?

Über Anonyma heißt es manchmal, dass sie sich prostituiert, aber ich habe dieses Wort innerlich immer abgelehnt. Sie sagt zwar „Bin ich jetzt eine Dirne?“, aber sie geht damit sehr sarkastisch um. Sie hat ja keine Wahl. Deshalb habe ich auch nicht an Rosemarie Nitribitt gedacht.

Schande, Schuld, Scham. Deshalb, so heißt es, haben die von den Russen vergewaltigten Frauen so lange geschwiegen. Heute denkt man: Diese Verurteilung ist falsch.

Dass die Frauen tatsächlich Scham empfunden haben, kann man nicht wegreden. Vergewaltigung hat viel mit Entwürdigung zu tun: Plötzlich wird man nicht als Person wahrgenommen, sondern nur als Beute. Anonyma sagt dazu „Fleisch“. Das ist der Grund für die Scham: dass man das mit sich hat machen lassen müssen. Aber es ist auch so, dass niemand davon wissen wollte nach dem Krieg.

Anonyma sagt einmal: „Wir sind für unser Leben gezeichnet, und trotzdem fühle ich mich gerade katzenwohl.“ Können Sie diese leichten Momente nachvollziehen?

Absolut. Ich glaube, dass Männer damit viel mehr Schwierigkeiten haben. Manchmal ist Humor das beste Mittel, um das Erlebte besser zu ertragen. Und es dreht gleichzeitig den Spieß um: Es macht die Aggressoren lächerlich. Anonyma hat diesen typischen sarkastisch-trockenen Berliner Humor. Die Geschichte hat viel speziell mit den Berliner Frauen zu tun.

Anonyma ist Journalistin, hochgebildet – aber sie kehrte nach Nazi-Deutschland zurück. Haben Sie sich gefragt, wie verstrickt diese Frau in die NS-Verbrechen war?

Ich habe mich sehr damit beschäftigt, wie jemand, der in verschiedenen Ländern gelebt, sich sogar für den Kommunismus interessiert hat, freiwillig nach NS-Deutschland zurückkehren kann. Die Anonyma mag manche Grausamkeit nicht gewusst haben – wobei ich das fast nicht glauben kann, sie ist immerhin Journalistin, ihr Freund ist an der Front, sie hat MarinePropaganda geschrieben. Aber es muss an der Zeit gelegen haben, in der sich viele von dem Gedanken mitreißen ließen: Wir sind besser als alle anderen, wir siegen in einem fort. Es muss eine unglaubliche Euphorie gewesen sein. Aber obwohl sie eine zwiespältige Figur ist, hat mich die schonungslose Art beeindruckt, mit der sie das Erlebte beschreibt und reflektiert. Die Zwiespältigkeit macht es möglich, die Geschichte zu erzählen, die nicht Gefahr läuft, eine schwarzweiß gezeichnete Täter-Opfer Geschichte zu werden.

Sie wird gleich mehrmals gefragt: „Bist du Faschistin?“ und gibt keine Antwort. Ist das nicht etwas wenig?

Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich habe das Tagebuch bestimmt zehntausend Mal gelesen, denn ich muss ja auch die spielen, die ich zwischen den Zeilen entdecke. Der Zweifel bleibt. Aber man muss mit ihrer Geschichte schon mitgehen. Diese vermeintliche Kälte zum Beispiel war für mich sehr verständlich, weil das Entsetzen so groß ist. Wenn sie lakonisch schreibt: „Habe wieder viele Stunden geweint, und jetzt gehe ich Holz holen“, dann überlegt man: Was heißt denn das: Habe viele Stunden geweint?

Haben Sie als Schauspielerin ähnliche Techniken wie eine Journalistin, etwas auf Distanz zu halten?

Bei den Dreharbeiten habe ich auch Tagebuch geschrieben. Man schreibt sich etwas aus der Seele heraus und legt es im Buch ab, um es später wieder herauszuholen. Da ging es mir ähnlich wie Anonyma. Aber mit der Distanz in der Schauspielerei ist es schwierig. Die Rolle darf einem nicht so nahe gehen, dass man das Gefühl hat, alles selbst erlebt zu haben. Aber man muss sie auch an sich heranlassen.

Medea, Yella, Anonyma: Wird man solche Rollen wieder los?

Die Medea spiele ich ja noch am Deutschen Theater, ich kann die Rolle also gar nicht loslassen, ich muss das immer wieder hochholen. Bei Filmen ist der Dreh irgendwann abgeschlossen. Aber die Anonyma hat mir nachgehangen. Weil die Dreharbeiten hart waren, weil das Thema so hart war.

Wie war die Zusammenarbeit mit den russischen Schauspielern? Ihre Kollegin Irm Hermann hat erzählt, wie nett sie waren.

Eine Vergewaltigung zu drehen, ist für den Mann genauso unangenehm wie für mich. Es geht nur, weil die Verabredung klar ist: Ich weiß, du machst das nicht, und mir passiert es auch nicht, aber wir müssen diese Szene im Sinne der Geschichte erzählen. Mit den russischen Kollegen gab es die Erfahrung von Fremdheit, aber gleichzeitig ist da eine ungeheure Energie. Während die Deutschen sich nach dem Dreh lieber aufs Hotelzimmer zurückziehen, haben die russischen Kollegen oft gefeiert, gesungen, getrunken. Aber was das Schauspielen angeht, kommen wir aus der gleichen Schule. Ich habe an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin gelernt, es ist die gleiche Theatertradition, Stanislawski: Da ist man sich plötzlich ganz nah.

Wie spielt man eine Frau aus einer anderen Zeit? Spricht man da anders, denkt anders?

Ich habe mir überlegt: Wie war das Elternhaus? Wahrscheinlich hat Anonyma eine preußische Erziehung erfahren, was ja auch heißt, dass man den eigenen Gefühlen nicht so viel Wert beimisst. Dass diese Frauen so aufwuchsen, hat ihnen in dieser Situation bestimmt geholfen. Aber immerhin: Sie hat die fortschrittlichen 20er Jahre mitbekommen, in denen die Frauen Hosen trugen und sich frei bewegten. Und danach, in den 50ern, wurde wieder ein heiliges Familienbild zusammengeschustert, aus dem die Frauen eigentlich längst ausgebrochen waren.

Warum sind die Kriegsheimkehrer gleichzeitig so schwach und autoritär?

Es gibt Berichte, wo bezeugt wird, dass manche Männer damals gesagt haben: „Du hast ja nur die Beine breit gemacht, und ich war im Krieg“. Diese Männer haben unvorstellbar Schlimmes erlebt – und begangen. Sie kommen nach Hause und sehen, dass sie die Frau nicht beschützen konnten – das darf nicht passiert sein. Es ist wohl eine Mischung aus Überforderung und dem Bewusstsein, als Verlierer zurückzukommen. Da gibt es wahrscheinlich eine große Sehnsucht nach Ordnung: Dieses Land ganz still wieder aufbauen und die Familie ganz still wieder unter Kontrolle bringen. Lieber ganz klein denken. Ich möchte nicht in den 50er Jahren gelebt haben.

Man fängt bei diesem Film schnell an zu rechnen: Wie alt war meine Mutter damals, wie alt meine Großmutter?

Meine Großmutter lebte im Rheinland, das wurde von den Engländern befreit, die hat so etwas nicht erlebt. Die andere Großmutter lebte in Schleswig-Holstein, da kamen die Amerikaner, dort gab es auch Vergewaltigungen, aber nicht in so einem Ausmaß. Die Gefahr war in der Luft, aber es ist ihr nichts passiert. Meine Mutter hat immer Marmeladengläser bekommen, weil sie so niedlich aussah.

Haben Sie bei der Vorbereitung mit Frauen gesprochen, die betroffen waren?

Ich habe immer Bedenken. Ich will nicht in alten Wunden stochern, um sie für meine Arbeit verwenden zu können. Ich habe stattdessen viel gelesen. Die erste Frau von Heiner Müller, Inge Müller, hat auch über dieses Thema geschrieben und darüber, wie das Thema in der DDR totgeschwiegen wurde. Der Russe war ja plötzlich der Freund.

Das Kriegsmittel Vergewaltigung gibt es heute noch, im Kongo, im Kosovo.

Es gibt erschütternde Berichte. Zum Beispiel habe ich den Bericht einer Richterin gesehen, die in einem Lager von Ratko Mladic vergewaltigt wurde. Irgendwann war ihre Verzweiflung so groß, und da hat sie ihm ins Gesicht gesagt: „Okay, du kannst das jetzt machen, aber ich werde eiskalt sein.“ Und er hat von ihr abgelassen. Das hat mich beeindruckt. Wie du deine Angst überwindest. Obwohl es lebensgefährlich ist. Damit gewinnt man sich ein Stück Würde zurück.

– Das Gespräch führte Christina Tilmann.

Nina Hoss,

geboren 1975 in Stuttgart als Tochter des Politikers Willi Hoss, ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation.

Nach einer Ausbildung bei der Berliner Ernst- Busch-Hochschule spielte sie im Deutschen Theater Berlin

in Michael Thalheimers Inszenenierungen von „Emilia Galotti“, „Einsame Menschen“ und „Faust II“ und zuletzt

unter anderem die Titelrollen in Medea, für die sie 2006 den GertrudEysoldt-Ring erhielt.

Als Filmschauspielerin bekannt wurde sie 1996 im Bernd Eichingers TV-Produktion Das Mädchen Rosemarie. Christian Petzold besetzt sie immer wieder als Protagonistin seiner Filme, so in „Toter Mann“ (TV, 2002), „Wolfsburg“ (TV, 2003), Yella (2007, Silberner Bär für die beste weibliche Hauptdarstellerin, Deutscher Filmpreis 2008) und zuletzt in

Jerichow
(2008, Deutschlandpremiere am Freitag bei den

42. Hofer FIlmtagen).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben