Kultur : Zur Verbesserung der Sitten

Die königliche Oper „Montezuma“ feiert heute als Neuinszenierung im Schlosstheater Premiere

Babette Kaiserkern

Dass der Preußenkönig Friedrich II. eine Oper über den Tod des letzten Herrschers der Azteken infolge der spanischen Eroberung von Mexiko verfasst hat, erregt bis heute Aufmerksamkeit. Mit ihrem heroischen Sujet in exotischer Verkleidung und verbrämt mit italianisierender Musik nimmt der „Montezuma“ innerhalb der preußischen Kultur des 18. Jahrhunderts einen Sonderplatz ein. Gerade in diesem Bühnenwerk kam die Selbststilisierung des preußischen Königs öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck. Im Rahmen der Musikfestspiele Sanssouci feiert am heutigen Mittwoch eine Neuinszenierung dieser Oper im Schlosstheater Premiere.

Friedrich II. nahm nicht nur auf den Spielplan und die Musik der von ihm begründeten Hofoper Einfluss, sondern auch auf die Libretti. Zu mindestens sechs Opern verfasste der König Inhaltsangaben, die von seinen Hofdichtern in italienische Verse gebracht wurden. Als Basis dienten meistens französische Tragödien nach antiken Stoffen. Einzig die Oper „Montezuma“ beruht nicht unmittelbar auf einer literarischen Vorlage. Vielmehr speist sich das Libretto aus verschiedenen Quellen, die von Friedrich II. sehr speziell umgewandelt wurden. Mit dem 1755 in Berlin aufgeführten „Montezuma“ mit der Musik von Friedrichs bevorzugtem Kapellmeister Carl Heinrich Graun erschien ein vergleichsweise aktueller Stoff auf der Opernbühne – die 235 Jahre zurückliegende Eroberung von Mexiko. Nach Antonio Vivaldis lange verschollener Oper „Motezuma“ (Venedig 1733) gilt der Berliner „Montezuma“ als zweite musikalisch-theatralische Darstellung dieses Stoffs aus der Neuen Welt. Allein im 18. Jahrhundert folgten noch 15 Vertonungen verschiedener Komponisten zu diesem Thema. Auffallend ist beim Berliner „Montezuma“ die Repräsentation zeitgenössischer philosophischer Diskurse, wie die Toleranzdebatte. Dass diese in einem ausgesprochen exotischem Gewand erfolgt, entspricht den ästhetischen Tendenzen in Literatur und Theater der Epoche der Aufklärung, war allerdings auf der Opernbühne ein Novum, wie so manches andere auch. In einem Brief an seinen künstlerischen Berater Graf Algarotti äußerte Friedrich, dass er damit ein bisschen gegen die „Barbarei der christlichen Religion“ sticheln wolle. Zugleich wünschte der königliche Librettist, dass die Oper „zur Verbesserung der Sitten und zur Bekämpfung des Aberglaubens“ beitragen möge.

Im ersten Akt erscheint Montezuma als gerechter, zufriedener Herrscher des mexikanischen Volks, der sich am Wohlergehen seines Landes erfreut. Zur Vollendung seines Glücks fehlt nur die Hochzeit mit Eupaforice. Trotz Warnungen seiner Leute und anderer unheilvoller Vorzeichen begegnet er den spanischen Eindringlingen einladend und postuliert die Pflichten für Beistand und Gastfreundschaft sowie Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Auch nachdem Feldherr Cortés die Mexikaner angegriffen hat, wird die moralische Diskussion über die Tugenden eines aufgeklärten Herrschers versus Lug und Trug der katholischen Eroberer weiter geführt. Nach einer überaus opernwirksamen Szene im Gefängnis, wo Montezuma stoisch über die Unbeständigkeit des Glücks, die Nichtigkeit von Macht und Ruhm philosophiert, schlägt Cortés einen letzten Handel vor: Wenn Montezuma zum Christentum übertritt, ist er ein freier Mann. Selbstverständlich verweigert der indianische Herrscher diesen Gesinnungswechsel konsequent.

Für die Gattung der Oper, die noch bis weit ins 19. Jahrhundert ein Refugium für das Wunderbare und das Göttliche war, stellt das Libretto von Friedrich II. eine Ausnahme dar. Ungewöhnlich war schon die rationale Diskussion und Kritik moralisch-philosophischer Konzepte auf der Opernbühne. Darüber hinaus fehlte das übliche Happy End einer Opera seria, das lieto fine. Anstelle einer erbaulichen Lobpreisung endet Friedrichs „Montezuma“ mit dem Tod des Herrschers und dem Untergang seines Volkes.

Als wesentliche historiographische Grundlage ist die Historia de la Conquista de México (1684) von Antonio de Solís zu nennen, die in der französischen Übersetzung in drei der acht friderizianischen Bibliotheken vorhanden war. Das im 18. Jahrhundert weit verbreitete Werk legitimiert die spanischen Feldzüge in Amerika mit ausgeklügelter Argumentation. Friedrich II. entnahm daraus nicht nur die Namen der meisten Opernfiguren, neben Montezuma und Cortés auch General Tezeuco und Gobernador Pilpatoé. Insbesondere die detaillierte Beschreibung der Person Montezumas als hoher Herrscher dürfte sein Interesse gefunden haben. Zudem wird die dramaturgische Entscheidung für Montezumas Tod durch die historischen Fakten gerechtfertigt, ganz im Sinne des preußischen Königs, der Wert auf eine „vernünftig und gut geführte Handlung“ legte. Eine entscheidende Neuerung liegt in der Bewertung der Hauptperson. Während bei Solís der aztekische Kaiser letztlich auch bloß ein vom Teufel irregeleiteter Heide ist, erscheint er nun als tragischer Held. Nicht Montezuma ist der Barbar, sondern die christlichen Eroberer. Diese Umwertung entspricht dem aufklärerischen Konzept des „guten Wilden“. Sie findet sich schon in Voltaires Tragödie „Alzire ou les Américains“, welche einst den 24-jährigen Kronprinzen Friedrich zu einem ersten Brief an den verehrten Franzosen veranlasst hatte. Die daraus entstandene über 42 Jahre anhaltende Korrespondenz begründete den Ruf des preußischen „Roi philosophe“.

Friedrichs „Montezuma“ spiegelt Voltaires erfolgreiches Drama „Alzire“ facettenreich wider. Der rebellische Indianer Zamor spielt darin eine Hauptrolle. Auch im Originallibretto des „Montezuma“ wird ein gewisser Zamor in fünf verschiedenen Szenen angerufen. Zwar tritt er selber nie auf, macht aber gleichwohl eine entscheidende Wandlung durch. Aus Zamor, dem treuen Verbündeten aus Jugendzeiten, wird ein fieser Verräter, der sich den spanischen Gegnern angeschlossen hat. Diese intertextuelle Passage erscheint wie eine bewusste Abrechnung mit dem ehemaligen Freund, zumal Friedrichs harter, wenngleich nicht dauerhafter Bruch mit Voltaire unmittelbar vor der ersten Niederschrift des „Montezuma“ erfolgte. Aufschlussreicher noch für die Erkenntnis des Gesamtwerks ist jedoch ein Vergleich der Schlussszenen. Das Drama Alzire endet mit einer durchaus religiös grundierten, versöhnlichen Menschheitsutopie. Dagegen schließt die kurz vor Beginn des Siebenjährigen Krieges uraufgeführte Oper „Montezuma“ mit einer absoluten Negation. Selbst von seinem besten Bundesgenossen verlassen, stirbt der Herrscher einen Märtyrertod im Namen von Tugend und Vernunft – Werte, die in der Realpolitik scheinbar keinen Platz haben. Dennoch lautet die ambivalente Botschaft: Derjenige, der schuldlos für eine gute Sache in den Tod geht, scheitert nicht, sondern ist zuletzt ein Triumphierender.

Der Text ist ein Auszug aus dem Aufsatz „Spiegelungen – Friedrich II., Voltaire und Montezuma“, der im Band „Friedrich der Große als Leser“ im November 2010 im Akademie-Verlag Braunschweig erscheint

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