Kultur : Zurück an die Spitze

Die Pariser Messe Fiac feiert 40. Geburtstag – und ist wieder so wichtig wie zu ihren besten Zeiten.

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Gut gegossen. Blick auf den „Iron Tree“ von Ai Weiwei, unter der gläsernen Kuppel des Grand Palais. Foto: AFP Photo / Francois Guillot
Gut gegossen. Blick auf den „Iron Tree“ von Ai Weiwei, unter der gläsernen Kuppel des Grand Palais. Foto: AFP Photo / Francois...Foto: REUTERS

„Ich hatte einfach keine Lust auf Frieze“, sagt die rheinische Sammlerin mit leisem Stöhnen und lässt sich in einen Stuhl am Stand der Berliner Galerie Neu fallen. Galerist Alexander Schröder, der auch dem Zulassungskomitee der Pariser Kunstmesse Fiac angehört, nimmt es lächelnd zur Kenntnis. Die Kundin liegt im Trend. Mittlerweile gilt die französische Leitmesse, die in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feiert, vielen als spannendste im Triumvirat von Art Basel, Frieze und Fiac. Dass Paris an die Spitze zurückgekehrt ist, erkennt mittlerweile sogar die Konkurrenz an. Erstmals seit Gründung der Frieze reisten ihre Direktoren im September von London nach Paris, um französische Sammler an die Themse zu locken.

Die Wiedergeburt ist der ehemaligen Galeristin Jennifer Flay zu verdanken. Sie übernahm die abgewirtschaftete Messe 2003 als Direktorin und führte sie mühsam zurück an die Spitze. „Die Frieze war lange the place to be“, erklärt die gebürtige Neuseeländerin. „Ich bin sehr froh, dass ich Fiac wieder zurück in den Wettbewerb befördern konnte.“ Das Engagement ihrer Londoner Kollegen versteht sie eher als Gewinn denn als Fischen im fremden Teich: „Alles, was dazu beiträgt, dass Frankreich als wichtige Kunstnation gesehen wird, ist natürlich ein Kompliment. De französischen Sammler sind potent genug, um beide Messen zu unterstützen. An Stelle der Londoner Messechefs würde ich auch mit den Pariser Sammlern viel Zeit verbringen – es sind einfach großartige Leute.“

Allerdings sind es nicht nur die Einheimischen, die der Messe in diesem Jahr ihre Gunst schenken. So international war das Publikum wohl noch nie. Zu den gut 17 000 Gästen der Vernissage am Mittwoch zählte auch eine amerikanische Museumsgruppe, die in der Woche zuvor eine ausgedehnte Tour durch die belgische Kunstszene unternommen hatte. London hingegen stand nicht auf ihrem Plan.

Vor der Kür erwartet den Besucher die Pflicht in den sich kreuzenden Schiffen des gläsern überkuppelten Grand Palais’. Auf dieser Spielwiese der Großgalerien zielt das Angebot eher auf den Privatkunden als auf Kuratoren aus Institutionen. Hier wird nicht nur Zeitgenössisches präsentiert, sondern auch das Beste aus den letzten Jahrzehnten. Bei Pace (New York/Peking) gibt es ein Mobile von Alexander Calder von 1952 direkt aus dem Nachlass für kolportierte 20 Millionen Dollar. Die Galerie Neu bedient das zeitgenössische Segment mit Mülleimern von Klara Lidén (20 000 Euro). Berlinern wird die Stadtmöblierung bekannt vorkommen, die jetzt eine belgische Privatsammlung ziert. Dazwischen fächert sich die ganze Bandbreite etablierter Kunst auf, wie man sie auch auf den anderen großen Messen findet. Das mag den Trophäensammler ansprechen, echte Afficionados machen sich auf den Weg in die oberen Stockwerke.

Im Zwischengeschoss begeistert der frisch restaurierte Salon d’Honneur, der jüngere, international etablierte Galerien beherbergt. Der neue, klare Hallenplan macht den Raum zum schönsten in einer ohnehin traumhaften Location. Die Galerie Kadel Wilborn aus Düsseldorf stellt hier aus, sie teilt sich Stand und Performance-Künstler Francesco Arena mit der römischen Galerie Monitor. Letztere zeigt außerdem an der Wandseite ihrer Koje Arbeiten des italienischen Minimalisten Claudio Verna mit Preisen um 30 000 Euro, während die Rheinländer Arbeiten von Art & Language zu Preisen bis zu 120 000 Britischen Pfund präsentieren – die letzten, die sie noch aus dem Atelier bekommen haben, betont die Galeristin.

Den Entdeckerinstinkt spricht der Umgang im Obergeschoss an, der sich wohltuend von der allerorts betriebenen Jagd nach dem nächsten neuen Markt abhebt. Zak Branicka aus Berlin zeigen eine kleine Werkschau der 28-jährigen Agnieszka Polska. Die Künstlerin – Teilnehmerin der aktuellen Biennale in Istanbul – beschäftigt sich mit vergessenen Künstlern der 60er- und 70er- Jahre, scheint den Nerv der Zeit zu treffen und die Risikofreude der beiden Galeristinnen zu rechtfertigen. Das Museum in San Diego sicherte sich eine der Arbeiten, eine andere geht über eine private Stiftung ebenfalls an ein Museum (Preise: 5000 - 8000 Euro).

Cortex Athletico aus Bordeaux zeigt eine Arbeit aus Lautsprechern, roten Farbpigmenten und Musik des in Deutschland vernachlässigten, 2011 verstorbenen deutschen Soundkünstlers Rolf Julius (22 500 Euro). Die Galerie PSM Sabine Schmidt aus Berlin musste sich wohl mit einem sehr ambitionierten Projekt bewerben, um nach 2010 zum zweiten Mal in der jungen Sektion ausstellen zu dürfen, die nach dem Umzug in das Grand Palais stark verkleinert wurde. Das Ergebnis ist die Installation „Sky“ des Argentiniers Eduardo Basualdo, der die gesamte Breite des Stands verglast hat. Weitere Zutaten sind ein Seil, das durch die Scheibe geführt ist, eine sehr helle Halogenlampe sowie der Abdruck eines Vogels auf der Scheibe und dessen Schatten an der Wand.

Mit PSM beträgt die Zahl der Berliner Galerien jetzt 16 von insgesamt 22 deutschen Teilnehmern. Damit stellt die Bundesrepublik nach den USA (33) das drittgrößte Kontingent unter den 185 Ausstellern. Der Anteil der Franzosen liegt bei rund 30 Prozent, naturgemäß sieht man nirgendwo sonst auf diesem Niveau so viele unserer westlichen Nachbarn. Und das dürfte nicht zuletzt einen Teil des Erfolgs der Fiac ausmachen. Jennifer Flay hat durchaus recht, wenn sie sagt: „Ich glaube nicht, dass man hier dieselben Galerien sieht wie überall.“ Hoffentlich bleibt das so.

Fiac, Grand Palais, Paris; bis 27. 10., www.fiac.com

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