Kultur : Zurück auf Los - Ein Beitrag über geschlechtsreife Städter

Nadine Lange

Paul hatte es gut: Seine Freundin liebte ihn wie verrückt, knutschte dauernd mit ihm rum und wollte möglichst bald das erste Mal mit ihm erleben. Es ist zwei Jahre her, dass Tobias Schenke diesen glücklichen Teenie in Marc Rothemunds "Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit" gespielt hat. Jetzt schickt ihn derselbe Regisseur für seine erste Hauptrolle nochmal zurück auf Los: In "Harte Jungs" ist Tobias Schenke Flo und noch lange nicht so weit wie Paul.

Gerade erst hat der 15jährige seine Sexualität entdeckt oder vielmehr seinen Schwanz - denn der spricht zu ihm und entwickelt ein beängstigendes Eigenleben. Er zwingt Flo, Mädchen auf dem Schulhof anzugaffen und im Schwimmbad unter ihnen durchzutauchen. Noch schlimmer wird es, als er die aufreizende Schulschönheit Leonie entdeckt. Weil er unbedingt mit ihr schlafen will, organisiert er dem völlig überforderten Flo ein Date mit ihr.

Marc Rothemunds zweiter Kinofilm wirkt ein wenig wie die Teenager-Version seines Debüts - "Das merkwürdige Verhalten jugendlicher Kleinstädter bei Pubertätsbeginn". Vieles ist bekannt: die zähflüssigen Witze, die Quotenschwulen, das allgemeine Geküsse am Ende. Es stürzt auch wieder jemand aus einem Haus, und das Begehren bricht wieder beim Plakataufhängen aus. Auf dieser bewährten Grundlage wird das Thema Sexanbahnung allerdings eine Spur derber und klamaukiger variiert als in der "Paarungszeit". Das liegt vor allem an Flos bestem Freund Red Bull (Axel Stein). Im Gegensatz zum süßen Flo, über den man eher schmunzelt als lacht, ist er der Mann für die Gags.

Leicht angeprollt und rheinländisch direkt schwankt er immer zwischen pubertärer Großmäuligkeit und lustiger Versponnenheit. So erzielt er eindeutig die höchsten Komikwertungen des Films. Als selbst ernannter Erotik-Fachmann hat Red Bull sich in den Kopf gesetzt, Flo in einem Verführungscrashkurs für seine Verabredung fit zu machen. Auf dem Programm stehen Kamasutra-Lesen, BH-Öffnen-Üben in einem Dessousgeschäft sowie Schlafzimmerspionage mit dem Feldstecher. Die "Harten Jungs" sind letztlich kleine Lausbuben, leicht verschärfte zwar, aber ohne den Ehrgeiz, cool oder hart sein zu müssen. Den hat nur der aufbrausende Lederjackenträger Kai - die lächerlichste Figur des Films. Alle anderen Teenager sind rundum nett: Sie halten zusammen, spielen Theater, rauchen nicht und haben keine Schulprobleme. Verstärkt wird dieser kuschelige Eindruck noch durch den Schauplatz: Augsburg. Eine gute Wahl, denn nur in der Provinz ist diese kleine gesegnete Komödienwelt vorstellbar, in der es noch kein AIDS gibt und Kondome nur als Luftballons oder Wasserbomben eingesetzt werden.Ab heute in 21 Berliner Kinos

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