Kultur : Zurück: Blockbuster

Kai Müller

Die Deckenbeleuchtung war bereits angegangen, da öffnete sich die Bühnentür und heraus trat noch einmal Dave Brubeck, allein. Der 80-Jährige schlurfte unter dem jubelnden Beifall des Publikums zum Flügel, setzte sich und stimmte ein zartes "Stille Nacht, heilige Nacht" an. Das Publikum summte die Melodie, und es war ein großes Frohlocken im Saal. Nein, im Ernst: Dave Brubeck erlebte im Konzerthaus wohl eine Sternstunde seines Lebens, als sein Quartett mit dem Bach Collegium München sowie dem Münchner Madrigalchor sein 1979 entstandenes liturgisches Werk "To Hope" zur Aufführung brachte - eine 15-teilige Komposition, die der Milhaud-Schüler auf Anregung der katholischen Kirche schrieb, bevor er selbst zum Katholizismus konvertierte. Obwohl er eine Jazz-Legende und sein enormes Wissen um das klassische Repertoire kein Geheimnis ist, wird auch ihm selten Gelegenheit gegeben, seine aufwendigeren Werke zu hören. So saß er zugleich ergriffen und fröhlich am Klavier, die Hände im Schoß, und folgte den von den jugendlichen Ensembles mit erstaunlicher Präzision und Dynamik vorgetragenen Sätzen. Zwischendurch preschte sein seit Jahren unverändertes Quartett immer mal davon, einmal über die Wiese gewissermaßen, um sich dann vom rhapsodischen Streicherklang wieder einfangen zu lassen. Der alte Mann spielte seine stolpernden Blockakkorde ("Jazz mit Gelenkrheuma") und überlagernden Intervalle ("Jingle Bells" über "Halleluja") wie ein Traumwandler, mit "kubistischer Eindringlichkeit", wie Michael Naura einmal schrieb. Besonders beweglich war Brubeck ja sowieso nie, aber mit zunehmendem Alter ist eine Zurückhaltung dazugekommen, die seine schweigsamen Balladen zu großartigen Momenten macht. Am Ende wollten tatsächlich einige "Take Five" von ihm hören, aber er überhörte das. Zum Glück. Das Gesumm war ein schönes Abschiedsgeschenk.

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