Kultur : ZURÜCK - CHANSON

ANDREAS KRIEGER

Die Diva ist außer sich."Heute können Sie mich alle", quäkt Tim Fischer und bedeutet dem Publikum mit ausgestrecktem Zeigefinger zu gehen: "Dort ist die Tür!" Natürlich bleiben alle sitzen, eingedost wie Sardinen in der rappelvollen Bar jeder Vernunft.Vor allem junge süße chice Anzugmänner haben sich versammelt, um ihren Altersgenossen Tim zu feiern, der so vollkommen anders aussieht als sie.Der Kimono schwarz, das Gesicht kreidebleich, die Lippen rot und die Haare "retour frisiert" (so der Titel des neuen Programms, täglich bis 26.März, 20.30 Uhr).Fischer spielt eine Diva, die ihre besten Jahre hinter sich hat, aber nichts bereut: "Wo sind die Tränen von gestern abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?", seufzt Fischer und schnupft pantomimisch eine Koksspur, als Seitenhieb auf die eigene wilde Vergangenheit.So ist die Ironie des Tim Fischer, der zu Geigenkitsch und Piano-Plüsch mal lustvoll schwachsinnig, mal brutal melancholisch über Mörder, Nutten und Verlierer singt - meistens in der Ich-Form."Je suis malade", seufzt er und wühlt sich mit den Händen durch das Haar.Es ist einer dieser Momente, bei denen sich Fischer mit großem Tam-tam zum Chanson aufschwingt, um irgendwo zwischen Klischee und Karikatur zu landen.Es erwartet ja keiner, daß Fischer seine Lieder brav wie ein Klosterschüler zum Besten gibt, aber seine Gestik ist übertrieben: ein Armkreisen, ein Augenrollen, ein Hüftschwung zuviel.Am meisten beeindruckt Fischer, wenn er nicht Zarah Leander imitiert - alle wissen, wie schön auch er das "rrrr" rollen kann -, sondern Kurt Weills "Alabama-Song" punkig herunterrotzt oder Lou Reeds Drogenhymne "Perfect Day" mit dunkler Stimme und leisem Pathos verkitscht.

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