Kultur : ZURÜCK - FILM

RALPH GEISENHANSLÜKE

Er hatte einen Traum und er lebte ihn sechs Jahrzehnte lang, zeitweise um den Preis bitterer Armut: Herman Poole Blount, besser bekannt unter dem Namen Sun Ra.Als einer der ersten experimentierte er mit elektronischen Keyboards und Kollektivimprovisationen.Er nahm ungefähr 200 Platten auf, unter anderem mit Coleman Hawkins, Lester Bowie und Archie Shepp.Seine Band umfaßte manchmal mehr als 100 Mitglieder, von denen einige ihm telepathische Fähigkeiten bescheinigten.Manche Biographen behaupten, er habe John Coltrane vom Heroin weggebracht.Fest steht: Blount, geboren in Birmingham/Alabama, verweigerte 1942 den Dienst in der amerikanischen Armee.Er wurde dafür ins Gefängnis und später in ein Arbeitslager gesteckt.Der sensible Mann durchlitt die Hölle.Nach seiner Entlassung wollte er mit der irdischen Gesetzgebung nichts mehr zu tun haben.Er behauptete, vom Saturn zu stammen.Seine Mission: Den Erdlingen Menschlichkeit und Harmonie zu bringen.Sun Ra kultivierte seinen Privatmythos, bis er die Erde 1993 wieder verließ.Der Film " Space is the Place" von 1974, der im Eiszeit zu sehen ist (bis 19.Mai, jeweils 10.45 Uhr) dokumentiert ihn in seiner fruchtbarsten Schaffensphase, in der auch sein gleichnamiges Klassiker-Album entstand.Trotz dadaistischer Züge - Sun Ras Raumschiff sieht aus als hätte man zwei von Woody Allens Riesentitten in einen Tiger-BH gepackt - bleiben diese 60 Minuten im Geiste des Free Jazz und der "Black Power" Bewegung: Sun Ra spielt sich frei von seinem Job als Barpianist in einem schmierigen Kabarett und predigt seinen Brüdern die Freiheit unter Berücksichtigung kosmischer Kategorien.

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