Kultur : Zurück: Geliebter Tod

Doris Meierhenrich

"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr", raunt es, wenn man den Namen Rilke hört. Auch der Bundeskanzler sprach diese Zeile aus Rainer Maria Rilkes Herbstgedicht jüngst vor laufenden Kameras in die Baugrube seines Amtssitzes. Man könnte Rilke für einen Pragmatiker halten, der die Dinge in die Hand zu nehmen versteht; nicht aber, wer an anderer Stelle bei ihm weiterliest: "Dass wir nicht verlässlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt". Ein Haus in Miniaturausgabe, eine kleine weiße Villa, steht auch auf der Spielfläche des Theaters Zerbrochene Fenster, wo derzeit die Gruppe Pantarhei einen kaum bekannten und noch nie gespielten Einakter Rilkes aufführt. Nach ihrem hundertjährigen Schlaf hat Regisseur Christian Scholze "Die weiße Fürstin" zwar nicht wachgeküsst, wohl aber geweckt (noch vom 9. bis 13.11., 20.30 Uhr). Vom Hausbau handelt im Grunde auch dieses Stück von 1904, denn es geht um Traum und Wirklichkeit. Was wiederum Regisseur Scholze zu solidem Handwerk veranlasste, statt zum inspirativen Entwurf. Er klammert sich an Rilkes Verse. Eine von Liebe träumende Fürstin, der das Leben zwischen den Fingern zerrinnt, schwebt in weißem Gewand über die Bühne: "Alles ist Traum und Zeit ist Raum" und alles "ist dennoch da". Die miniaturisirte Villa neben ihr illustriert nur diesen surrealen Blick auf die Welt. Elf Jahre hat sich die Schwärmerin ihrem Ehemann verweigert, um jetzt, da er erstmals fort ist, einen imaginären Geliebten zu empfangen. Statt der Liebe aber kommt ein hagerer Todesbote aus der schwarzen Kulisse und lacht: Im Dorf herrscht die Pest. Weiter träumen oder endlich leben, lautet die entscheidende Frage, die sinnlos wird, wenn Liebe Tod und Leben Abschied bedeuten. Rilke konnte herrlich davon sprechen. Auf der Bühne, müsste man sich dazu was einfallen lassen.

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