Kultur : Zurück in die Gründerzeit

Zum Saisonstart glänzt der Berliner Handel – und zieht mehr denn je den Nachwuchs an

Katrin Wittneven

Berlin ist eine geteilte Stadt, zumindest, was den aktiven Kunsthandel anbelangt. Nach wie vor residieren viele renommierte Galerien in Charlottenburg und viele angesagte in Mitte, es gibt den wiederentdeckten Standort Kreuzberg und immer wieder neue Galerienkonzepte in Prenzlauer Berg. Über Qualität und Frische einer Ausstellung sagt das freilich gar nichts aus. Aber immer häufiger über die Besucherzahlen: Der angestammte Charlottenburger Galerist Clemens Fahnemann etwa eröffnete vor zwei Jahren einen zusätzlichen „Projektraum“ in der Gipsstraße, vor allem, damit „mehr Leute die Ausstellungen sehen“. Die Rechnung ging auf, und im kommenden Sommer wird er ganz nach Mitte ziehen.

Das Angebot von Berliner Galerieausstellungen wächst rasant. In etwa verzehnfacht hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl von Galerien und zurzeit kommen wieder viele dazu. Rund 600 listet bereits der Berliner Kunstkalender auf, wobei hier die Grenzen zum Kunsthandwerk oder zu Restaurants, die regelmäßig Fotografien ausstellen, fließend sind. Neben den professionellen Szenen gibt es Parallelszenen, Sub-Szenen und so manchen charmanten Einzelkämpfer. Aber auch die Anzahl der international ausgerichteten Galerien nimmt beständig zu. Rund 50 Händler beteiligen sich regelmäßig an Kunstmessen, allein 19 an der letzten Art Basel, elf an der kommenden Frieze Art Fair und zwanzig an der nächsten Art Cologne. Und auch auf die Messe in der eigenen Stadt kehren in diesem Jahr wieder viele zurück. 36 Berliner Galerien sind für das Art Forum zugelassen worden; beworben hatten sich doppelt so viele.

Auch Berlin-Mitte, wo in den Neunzigerjahren der Boom des neuen Kunstmarktes begann, hat sich längst in neue Zentren aufgesplittert. Rund um August- und Linienstraße ballen sich zwar nach wie vor Galerien wie Eigen+Art, Kicken, Wohnmaschine oder Schipper & Krome, aber mit Markus Richter oder Klara Wallner verschlug es eine ganze Reihe von Galerien in das Areal nördlich der Torstraße. Carlier Gebauer oder Mehdi Chouakri beleben die S-Bahn-Bögen der Holzmarktstraße. In der Weydingerstraße residieren Christian Nagel oder Johann König und in der Zimmerstraße Nordenhake, Klosterfelde oder Barbara Weiss. Wer sich in Berlin auch nur über die aktuellen Ausstellungen im Osten der Stadt informieren will, der braucht mindestens ein Tagesticket.

In den nächsten Wochen lohnt sich dieses wieder einmal besonders. Parallel zum Art Forum Mitte September spielen die Händler ganz groß auf: Ein Solo von Franz Ackermann eröffnet am 5. September bei Neugerriemschneider, eine Doppelausstellung von Sarah Morris in den Galerieräumen von Max Hetzler, Anthony Gormley bei Nordenhake, Thomas Schütte bei Carlier Gebauer, Sophie Calle bei Arndt & Partner. Neben der Ausstellung in seinen Galerieräumen organisiert Matthias Arndt mit 20 Künstlern eine große Jubiläumsausstellung für das Art Forum, mit der er den zehnten Geburtstag der Galerie feiern will – für ihn „Stoßseufzer und Glücksbekundung“ gleichermaßen. „Die immer wieder neu getroffene Entscheidung für Berlin war richtig“, meint Arndt, „obwohl der heimische Markt die Galerien bis heute noch nicht trägt“. Doch die lange Durststrecke ist überwunden: Kamen in den ersten Jahren der Galerie gerade einmal fünf Leute in der Woche, hatte die letzte Ausstellung mit Werken von Thomas Hirschhorn rund 2500 Besucher.

Wie Arndt & Partner ist kaum eine Galerie, die in den Neunzigern begann, heute noch am ursprünglichen Platze. Die Umzugswellen brachten größere Räume und aufwändigere Ausstellungen mit sich. Die Galerien wuchsen im besten Fall mit dem Erfolg ihrer Künstler. Auch Guido Baudach, der bisher mit seiner „Maschenmode“ in einer ehemaligen Boutique in Mitte ausstellte, hat sich in diesem Sommer vergrößert: Im Juli bezog er selbstbewusst rund 800 Quadratmeter in den Osramhöfen im Wedding. Nicht gerade auf der üblichen Rennstrecke, aber zwischen Flughafen Tegel und Berlin-Mitte. „Wenn die Sammler in der Linienstraße ankommen, haben sie bei mir ihr Geld schon ausgegeben“ sagt Baudach lachend. „I love Berlin“ hat die Hamburger Künstlerin Helena Huneke in der aktuellen Gruppenausstellung auf den Boden geschrieben, die Einzige aus seinem Programm, die nicht in der Hauptstadt lebt.

Gerade weil in Berlin die Künstler wohnen, lockt die Stadt immer noch Neuzugänger an. In der kommenden Woche eröffnet die Kölner Erfolgsgalerie Johnen mit dem Polen Robert Kusmirowski – der zum Auftakt einen historischen Friedhof rekonstruiert – in einem ehemaligen Postamt in der Schillingstraße ihre Räume. Die neue Galerie Stefan Dillinger setzt dagegen auf Malerei und zeigt in der Torstraße eine Gruppenausstellung. Die Galerie Alexandra Saheb startet kommende Woche in der Linienstraße 196 mit Bildern von Steven Black und selbst Kurator Jan Winkelmann, der lange mit Düsseldorf liebäugelte, hat Berlin den Vorzug gegeben und eröffnet am 18. September in der Brunnenstraße 185 eine Galerie mit neuen Videos von Katarina Löfström. Am gleichen Tag beginnt auch Jan Wentrup in seinen 130 Quadratmeter großen Galerieräumen in einer Backsteinremise in der Choriner Straße mit Wandarbeiten von Pablo Alonso. „Berlin ist mein Sumpf“, sagt der Junggalerist Wentrup. Der Optimismus der Neueinsteiger ist ungebrochen. „Die Galerien, die in den Neunzigern den Ruf der Kunststadt Berlin begründet haben, sind heute etabliert“, meint Wentrup, „da ist es Zeit, dass wieder etwas Neues passiert“.

Der Erfolg der Berliner Galerieszene liegt auch in einer Veränderung des Marktes begründet: Verkauft wird heute vor allem auf den Messen. Deren Anzahl ist enorm gestiegen. Für die Berliner Galerien kam diese Entwicklung noch rechtzeitig, denn sie machte sie von einheimischen Kunstkäufern unabhängig. Zwar kommen die internationalen Sammler gerne nach Berlin, doch werden selbst diejenigen, die zu Hause bleiben, blitzschnell digital mit Neuigkeiten versorgt. So wird der Standort – trotz anhaltenden Berlin-Booms – letztlich immer unwichtiger.

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