Kultur : Zurück in die Zukunft

KLASSIK I

Frederik Hanssen

Die Berliner Philharmoniker haben es so gewollt. Sie haben Simon Rattle gewählt – und damit den Weg ins 21.Jahrhundert. Dazu gehört, sich nicht nur mit dem zu beschäftigen, was man schon beherrscht, sondern stets das stilistische Abenteuer zu suchen: sich ins Universum barocker Rhetorik zu begeben, französische Klangkultur zu erforschen. Mit Marc Minkowski debütierte jetzt ein Spezialist für genau diese beiden Bereiche bei den Philharmonikern. Nicht nur seiner eigenwilligen Pultgymnastik wegen ist Minkowski eine Herausforderung: Jean-Féry Rebels „Les Éléments“ (1738) wurde zwar 1955 schon einmal von Hans Rosbaud mit dem Orchester erarbeitet – aber garantiert nicht so!

Der überzeugte Klangredner Minkowski fordert flammende Artikulation, blitzende Dissonanzen im „Chaos“, rhythmisches Einfühlungsvermögen in den Chaconnen , in denen Rebel Feuer, Wasser, Luft und Erde darstellt - und die Philharmoniker folgen ihm mit höchster Anspannung. Prompt lässt Bizets nachfolgende C-Dur-Sinfonie bei aller Tempo-Rasanz jene tänzerische Leichtigkeit vermissen, die den Charme des Stücks ausmacht. Mit Faurés „Requiem“ in der reduzierten 1893er-Fassung schießt Minkowski übers Ziel hinaus: Weder die Musiker noch Veroncia Cangemi, Jean-Sébastien Bou oder der exzellente Rundfunkchor haben mit seiner Pianissimo-Intimität Probleme – doch warum sich auf eine Minibesetzung beschränken, warum Askese betreiben, wenn man auch den vollen Philharmoniker-Sound haben kann?

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