Kultur : ZURÜCK - JAZZ

ROMAN RHODE

Die weiße Lockenmähne früherer Jahre, mit der Jürgen Knieper zu Beginn jeder Ausgabe des "Scheibenwischer" vor der Kamera erschien, ist dahin. Im Quasimodo sitzt er mit kurzem, schütteren Haar hinter dem Flügel und tritt mit einem klassischen Jazz-Quintett auf. Knieper, der die Titelmelodien von "Scheibenwischer" und "Lindenstraße" komponiert hat, aber auch die Filmmusik von Wim Wenders schrieb, kultiviert seit zwei Jahren die alte Jugendliebe Jazz, tourt mit seinen Musikern durch verschiedene Clubs und will künftig sogar auf Festivals spielen. Für den erfahrenen Studiomusiker sind solche Live-Auftritte neu. Doch das Zusammenspiel des Pianisten mit seiner Band, in der sich gestandene Berliner Jazzmusiker versammelt haben, klingt so präzise und routiniert, daß nicht nur die Lehrer eines im Lokal eingetroffenen Schulausflugs ins Staunen kommen. Knieper liefert überwiegend Eigenkompositionen, denen er so launige Titel wie "Allez hopp!", "Hippopotamus" oder "Limerick" verliehen hat. Dabei verzichtet er auf jegliche Mätzchen am Klavier und das Quintett gibt, zwischen 3/4-Takt und Schlagzeugfeature, einen ordentlich verspielten Swing zum besten. Der Höhepunkt ist dann erreicht, als Knieper in dunkelschwere Tasten greift und Dirk Engelhardt auf seinem Sax Sopranmelancholie anstimmt: "The State of Things" erklingt, das musikalische Thema des gleichnamigen Wenders-Films, dessen Titel sich auch die Band angeeignet hat. Wenders hatte vor vielen Jahren, enttäuscht von Hollywood, einen Film übers Filmemachen in Endzeitstimmung gedreht. Den Diskurs von damals, so scheint es, führt Knieper mit seinen Mitteln fort: Musik zu Bildern, die sich heute wunderbar in der Spannung des Jazz wiederfinden lassen.

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