Kultur : ZURÜCK - KABARETT

ANDREAS KRIEGER

"Wissen Sie, warum Hitler Selbstmord begangen hat? - Er hat die Gasrechnung bekommen." Die Zuschauer im schwach besuchten Luftschloß am Schloßplatz wissen nicht, ob sie lachen dürfen und retten sich in verschämtes Hüsteln.Miri Aloni ist jedenfalls die einzige, die ihren Witz so richtig komisch findet.Die israelische Friedenssängerin will die Juden und Deutschen miteinander versöhnen "...und morgen die ganze Welt" (bis 11.April, Mi-So und am 5.April, nicht am 1.April, 20 Uhr) erobern - mit Späßchen, die so lustig sind wie Faustschläge ins Gesicht.Einen Chanson widmet sie "dem kleinen lustigen Mann mit dem Schnurrbart" - gemeint ist Hitler - und rät den Berlinern: "Ihr braucht euch mit dem Holocaust-Mahnmal nicht beeilen.Die sechs Millionen Juden sind sowieso schon tot." Provokation gelungen, Publikum rot (vor Verlegenheit).Aber man ist ja vorgewarnt.Schon auf den Plakaten hängt die blonde Skandalnudel lächelnd am Kreuz wie andere Menschen an der Bar.Kein Wunder also, daß Aloni - auf einem braunen Ledersofa sitzend, den Spiegel in der Hand - das "Ave Maria" so keusch wie eine Hure auf Freierpirsch säuselt.Man wünscht sich weniger Schminke und mehr Seele, die nur manchmal hervorblitzt: Wenn Miri Aloni mit ihrer hellen, alles durchdringenden Stimme ein jüdisches Gebet singt und man auch ohne Hebräisch zu können den Schmerz versteht.Wenn sie zum dramatischen Klavierspiel von Rainer Rubbert ihr Friedenslied interpretiert, das sie einst zehn Minuten vor dessen Ermordung zusammen mit Itzhak Rabin sang.Oder wenn sie Rio Reisers "Für immer und Dich" so sinnlich leise ins Mikro seufzt, daß man die Bewegung ihrer Lippen hört.Es ist halt doch wahr: Ein gutes Lied sagt mehr als tausend Witze.

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