Kultur : ZURÜCK - KLASSIK

BORIS KEHRMANN

"Er nahm seine Laute und sang", heißt es in Ludwig Tiecks "Wundersamer Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence".Wo das Herz übervoll ist, da macht es sich in Liedern Luft.Mit Vorliebe in einsamen Liedern.Denn trotz ihrer Liebe haben sich der junge Ritter aus Frankreich und die schöne Königstochter aus Neapel erstaunlich wenig zu sagen.Die fünfzehn Romanzen der Novelle regten Johannes Brahms mit ihrer romantischen Vielfalt an Einsamkeitsstimmungen zu seiner kongenialen Vertonung an.Eine Herausforderung für jeden Interpreten, dem nicht weniger aufgetragen ist, als die "mondbeglänzte Zaubernacht", die "wundervolle Märchenwelt" des Königs der Romantik für kurze Zeit ins Hier und Heute zurückzuholen.Reiner Goldberg wurden seine diesbezüglichen Bemühungen im Apollo-Saal mit Fußtrampeln und Bravos gedankt.Trotzdem: ein Liedgestalter ist der Wagner-Tenor - durch Wagner ruinierte Tenor? - nicht.Zu dem von jeher problematischen, nach oben offenen, im Brustregister wenig fundierten Timbre kommen nun auch noch Probleme der Technik hinzu.Im Piano wird die Gesangslinie brüchig und die Intonation so unrein, daß von einer kontrollierten Stimmführung nicht mehr gesprochen werden kann.Die Kopfstimme, in den Wehmutsekstasen des "Magelonen"-Zyklus nicht ganz unwichtig, versagt völlig.So bleibt dem Sänger als einzige Farbe das schmetternde Forte und auch das flackert beängstigend und verursacht manch grellen Mißton.Da hielt sich der Autor an den jungen Schauspieler Jens Ole Schmieder, der Tiecks Märchenerzählung nicht ganz unironisch, und an die Ausdrucksfülle Werner Schiekes, der seinen wohllautenden Klavierpart hörbar "con amore" vortrug.

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