Kultur : ZURÜCK - KLASSIK

ULRICH AMLING

Wenn ein Countertenor vom Küssen singt, dann schlägt er nicht nur atemberaubend hohe, sondern auch seltsam offene Töne an.Sein scheinbar so körperlos schwebender Gesang läßt die sexuelle Identität des Interpreten apart changieren.So ist es für Axel Köhler im ausverkauften Foyer der Komischen Oper ein leichtes, in die Rolle von ach so tugendhaften Frauenzimmern, keifenden Alten und genußsüchtigen Junggesellen zu schlüpfen.Doch er verleiht diesen Figuren nicht nur Stimme, er schenkt ihnen auch seine Lust an darstellerischen Finessen.Denn Köhler, seit 1993 immer wieder zu Gast im Musiktheater an der Behrenstraße, ist nicht nur einer der begehrtesten jungen Countertenöre, er ist auch der spielerische Rückhalt vieler Inszenierungen barocker Opern.Vom Barock über das Rokoko bis hin zur Wiener Klassik spannt sich sein Liederabend Falsetto grazioso, ein Programm voller Seufzer, Klagen und Jubelrufe."Nicht zu trocken und nicht zu feucht" - so sollen die rechten Liebesbekundungen sein, rät die "Kunst des Küssens" eines Kirchenmusikers aus dem 17.Jahrhundert.Schon damals fand die Ansicht Verbreitung, daß Frauen stets "nein sagen, ja meinen".Weshalb Mann dann eben tut, was Mann tun muß.Wenn nur die Nachbarn nicht so neugierig wären und die olle Schachtel von nebenan nicht "Zu meiner Zeit, da war noch Recht und Billigkeit" greinen würde.Auch von der rasenden Flüchtigkeit der Liebe singt Köhler, von den so seltenen zärtlichen Küssen nach den Flitterwochen, um mit Mozart dann einen gelasseneren Ton anzuschlagen: Mit strömend samtweichen Linien lobt er das freie Leben des kleinen Mannes, der nicht immer zum höchsten streben müsse.Klingt heiter aus dem Mund eines Countertenors, doch bei Köhler haben selbst die Tiefen Format.Freigiebig wirft er dunkle Töne bei der Zugabe, Joseph Haydns "Lob der Faulheit", unter das Publikum.Töne, die nur darauf lauern, sich in einem befreienden Gähnen zu lösen.Verständlich, nach all den exquisiten Qualen von Liebeslust und Liebesschmerz.

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