Kultur : ZURÜCK - KLASSIK

JÖRG KÖNIGSDORF

Den größten Moment hat dieses Osterkonzert im Konzerthaus da, wo er sein soll: Wenn am Ende Roman Trekel sich mit seinen verklingenden "Ewig, ewig"-Zeilen aus diesem Lied von der Erde verabschiedet, transzendiert Mahlers Musik in ein lichtes Nichts, verflimmert die Musik im Goldgewirk von Mandoline und Celesta, hat die Musik des 19.Jahrhunderts nichts mehr zu sagen.Ganz leicht läuft das aus, eine ornamentale Jugendstilgeste, ohne die wagnerianischen Verklärungsposen, mit denen Mahlers Werke oft zu bombastischer Spätromantik umgedeutet werden.Pierre Boulez setzt das im "Abschied", dem halbstündigen Schlußlied, mit eiserner Konsequenz um: Die Pausen, mit denen das Lied durchsetzt ist, sind bei ihm echte Leerstellen, die nicht durch rhetorische Kunstgriffe aufgeladen werden.Das muß immer wieder neu ansetzen und schraubt sich so bis zum Versiegen herunter.Dabei scheint es im Konzerthaus zunächst, als ob Boulez in seinem Bemühen um Klarheit den Emotionsgehalt fast zu sehr drosseln würde: Den grellen Überschwang des Anfangsliedes, das derbe Hereinfahren des Orchesters im fünften Lied läßt er von der Staatskapelle zwar laut, aber ohne Zuspitzung, ohne den gewohnten geisterhaft bizarren Mahlerton und süffigen Breitwandstreicherklang spielen.Das sind kühle Kunstlieder, filigrane Chinoiserien, in denen die Sänger wie ausgestellt wirken: John Villars, der Heldentenor, der mit Riesenstimme beeindruckt, aber kaum unter die Wortoberfläche gelangt, und Roman Trekel, der zwar klug mit seinem Text umgeht, die Melodiebögen seines extrem schwierigen Parts aber nur unter hörbarer Anspannung bewältigt.

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