Kultur : ZURÜCK-POP

HANS SEGGERN

"Die Leute machen sich Sorgen, weil Kinder mit Kriegsspielzeug spielen und Teenager Gewaltvideos gucken...Niemand sorgt sich um Kinder, die Songs über gebrochene Herzen, Zurückweisung, Schmerz, Leid und Verlust lauschen.Von allen Menschen, die ich kenne, haben diejenigen am wenigsten Glück in der Liebe, denen Popmusik am meisten bedeutet.Ich weiß nicht, ob Popmusik der Auslöser dieses Unglücklichseins ist, aber ich weiß, daß sie schon länger traurige Songs hören, als sie ein unglückliches Leben führen." - Wie ein Soundtrack zu diesen tieftraurigen Sätzen des britischen Melancholikers Nick Hornby erscheint der getragen-wehmütige Elektro-Pop des französischen Duos Air.Live ein weißgewandetes Sextett, müssen sie nur ihr "Tänk jou" durch den Vocoder säuseln, und das Publikum in der Kulturbrauerei ist in ihrem Bann.Überläßt man sich den elegischen Weisen Jean-Benot Dunckels und Nicolas Godins, stellt sich nach wenigen Minuten ein merkwürdiger Effekt ein: das Gefühl, sie schon sehr, sehr lange zu kennen.Diese Musik wühlt sich ein in tiefe Seelenschichten, sie ist ein hypnotisierend sanfter Psychotrip in die Pubertät der heute 30jährigen.Air sind Astronauten, und der von einem magisch-sakralen Licht durchflutete Kosmos, durch den sie gleiten, ist der des eigenen Ich.Schwerelos erzählt ihre Musik von einem großen Verlust: dem der eigenen Kindheit.Wie in Trance erscheint die Zeit, als das Mad-Heft noch in Schwarzweiß kam und allenfalls von klebengebliebenen Fetzen Kaugummis koloriert wurde.Wenn man damals frühem Computer-Pop wie etwa dem Hit "Popcorn" lauschte, begann man, an die Möglichkeit einer EDV mit menschlichem Antlitz zu glauben.- Etwas abrupt landet nach einer Stunde unser Raumschiff, draußen harrt die für die Dauer der Reise ausgesperrte Realität.Angenehm benommen nähert man sich der Pforte und ist im Augenblick des Übergangs einzig von drei Worten erfüllt: "Tänk jou, Air."

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