Kultur : ZURÜCK-ROCK

ULRICH AMLING

"Is det hier ein Literaturzirkel oder ein Rockkonzert, eäh", röhrt Mike Lehmann und schüttelt seine vorne-kurz-hinten-lang-Frisur.Die Zuschauer sollen gefälligst auch so brüllen, schließlich "wollen wir heute mal richtig blöd sein." Dafür ist Lehmann Experte, damit verdient er sein Geld.Jeden Morgen erfreut er die Hörer der Jugendwelle "Fritz" mit tiefsinnigen Äußerungen von der Baustelle.Hits hatte Lehmann auch schon: Sie heißen "Umwälzpumpe", "Weita, Weita" oder auch "Trenne niemals Müll, denn er hat nur eine Silbe".Die Texte beschränken sich auf den Refrain, das Publikum im "motherfucking Columbia Fritz" soll ja nicht überfordert werden."Eäh!" Mike glotzt starr in dem Raum, simuliert einen epileptischen Anfall, und lüftet sein "Born to be Mike"-T-Shirt: Der Mann hat Bauch.Dazu bollert die Band, alles gestandene Ost-Rocker.Die treffen sich gelegentlich biertrunken im Übungskeller und ersinnen harnseelige Oden jenseits des guten Geschmacks.Wohl eine Marktlücke."Wollt ihr den Mist weiter hören?", fragt Lehmann verschwitzt und wiederholt diese Pseudofrage regelmäßig, wobeit er "Mist" durch drastischere Ausdrücke ersetzt.Vielleicht hätte das Publikum im neueröffneten Fritz-Club, vormals ein Aliierten-Kino, doch der Einführung in die subtile Kunst des Mike Lehmann bedurft.Doch Jürgen Kuttner, der Dauerquatscher mit Doktor, zog sich schnell den Zorn der Anwesenden zu: Er wollte selbstherrlich einen riesigen Applaus, schmiß "einen echten West-Groschen" in die Runde und wunderte sich, daß den niemand aufheben wollte."Alles keine Zonis hier", meckerte er.Dabei wollte er doch erklären, daß Lehmann ein "sensibler, sozialkritischer Liedermacher ist".Das Publikum wußte es besser und feierte Mike in der schützenden Dunkelheit von "fucking Tempelhof".

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