Kultur : ZURÜCK - TANGO

JOCHEN METZNER

Vermutlich schärft die Distanz nicht nur den Blick, sondern erst recht Gehör, Gefühl und musikalisches Gespür.Silvana Deluigi hat den Tango für sich entdeckt, nachdem ihr Paris und halb Europa schon längst zur zweiten Heimat sowie zum Sprungbrett einer internationalen Musical- und Filmkarriere geworden waren.Erst der wachsende Abstand zum touristisch geprägten Tango-Milieu ihrer Heimat Buenos Aires gab ihr eine Ahnung von den enormen Ressourcen dieser Musik, die seit den Fünfziger Jahren, seit Astor Piazzolla kaum mehr recht vorangekommen ist.

Während sie sich auf ihrer ersten CD "Tanguera" von 1989 noch mit der inhaltlichen Neubestimmung allzu altbewährter Macho-Hymnen beschied, zeigte ihr Konzert in der ausverkauften Passionskirche jetzt eindringlich die jüngeren Facetten ihres Aufstiegs zur Tango-Primadonna: von gleichgesinnten Musik-Emigranten wie etwa dem Pariser Mosalini-Clan rigoros unterstützt, zelebriert die Diseuse inzwischen perfekt ihre Begegnung mit Ballade, Chanson oder auch freitonalen Jazz-Spielarten.Bei so viel Erkundungsdrang sind kleine Fehltritte immer mal drin - mit Brecht/Weills "Surabaya Johnny" kokettiert sie zum Glück doch lieber nur im Studio, der ruppige Duktus müßte den konzertanten Fluß zerreißen, in dem eher sanfte Melancholie und Dezenz dominieren bei graziler Gestik aus dem Handgelenk.

Selbst bei einem wuchtigen Klassiker wie "Los Mareados" meidet sie bewußt alles Pathos, nimmt ihre makellose Stimme sogar lieber dort zurück, wo andere Diseusen verläßlich in die vollen gehen.Vom klassischen Tango ihrer Heimat hat Silvana Deluigi vor allem einen Grundton des Gefühls in die Fremde und Gegenwart entführt, bei dem Momente der Glückseligkeit eigentlich nur als Erinnerung oder Utopie auftauchen.Sie selbst und ihr Berliner Publikum scheinen mit dieser Einstellung drei Konzertstunden lang richtig happy zu sein.

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