Kultur : ZURÜCK - TANGO

ROMAN RHODE

Ist es nun Tango oder ist es doch Jazz? Dino Saluzzi will sich nicht festlegen, sondern zieht sein Knopfakkordeon auseinander, sammelt reichlich Energie im Balg und drückt sie hinaus wie heiße Luft aus vollen Lungen. "Tango", hat Saluzzi einmal gesagt, "ist vielschichtiger als der meiste Jazz". Aber Saluzzi verfolgt, ähnlich wie schon Astor Piazolla, nur eine Idee des Tangos. Der sogenannte Tango Nuevo ist daher ebensowenig Tanzmusik wie der moderne Jazz. Das tiefe, schwere Gefühl des Tangos bringt Saluzzi allerdings auch ohne Sänger und dramatische Tänzer zum Ausdruck. Er atmet mit seinem Bandoneon wie durch die eigene Nase. Das Instrument windet sich dabei auf den Knien des Meisters oder hüpft empor wie dessen Augenbrauen. Saluzzi schmachtet und jauchzt, stöhnt und lacht allein mit Hilfe des Luftstroms und multipler Knöpfe. Im Quasimodo läßt er sich von seinem Sextett begleiten, und Klarinette wie Gitarre fügen sich bestens in die schwelgerische Melancholie des Bandoneons. Wie bei vielen Tango-Ensembles ist auch hier die Musik eine Familienangelegenheit. Saluzzi dirigiert seinen Clan mit entschiedener Mimik, verlangt "piano, piano" und bestimmt den Einsatz von Brüdern, Sohn und Vettern. Mit dieser Strenge sind auch die Stücke durchkomponiert, in denen die Idee des Tangos im Glanz ihrer Möglichkeiten zum Vorschein kommt. Das Publikum ist mucksmäuschenstill. Gebannt verfolgt es die konzentrierte Emotion, die in dieser Musik steckt, eine vollkommen beherrschte Gewalt. Vielleicht hofft es auch darauf, daß sie endlich als Leidenschaft ausbrechen und Jazz und Tango zur Unkenntlichkeit miteinander verschmelzen möge.

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