Kultur : ZURÜCK - THEATER DER WELT

MARION AMMICHT

Schmeißt die Tasche hin und geht. Armer Alceste! Hätte er sich aber eigentlich denken können, daß die lebenlustige, umtriebige Célimène, die das gesellschaftliche Tête-à-tête wie die Luft zum Atmen braucht, ganz sicher nicht mit ihm in die Wüste geht. Aus der Traum vom Aussteigerglück zu zweit! Dabei hatte es in Toni Servillos Inszenierung von Molières Menschenfeind einen Moment lang so ausgesehen, als täten Iaia Fortes intelligent-gerissener Célimène ihre doppelten Spielchen leid. Als könnte da in der Not doch noch etwas zusammengehen. Denn ein bißchen hat das flatterhafte Geschöpf den bornierten Umstürzler wohl doch gemocht. Verständlich, denn einen so temperamentvollen Misanthropen wie den Alceste des Italieners Roberto de Francesco hat man lange nicht gesehen. Das ist kein lächerlicher, überlebter alter Sack, sondern - historische Kostüme hin oder her - einer, mit dem noch viel passieren kann. Für den interesiert man sich. Den kann man verstehen, wenn ihn diese Heuchlergesellschaft mit ihren intriganten Schwätzern (großartig: Servillo selbst als eitler Pseudodichterfatzke Oronte) um den allseits gepriesenen gesunden Menschenverstand bringt. Um den macht man sich Sorgen, wenn er da einfach am Ende genervt und ohne Gepäck von dannen zieht. Spannendes Schauspielertheater vom Feinsten ist das, was Servillo und sein Ensemble von den Teatri Uniti da derzeit im Theater am Ufer zeigen (nur noch heute, 20 Uhr). Nichts und niemand auf der Bühne ist überflüssig. Ein paar Lichtflitter, und schon strahlt der tiefe Raum hinter dem halb aufgezogenen Samtvorhang mit seinem Kristallüster in hellem Glanz, wenn Célimène auf dem Holzbühnenkarree, das vorwitzig in den Zuschauerraum ragt, ihre Verehrer empfängt. So schlicht, so aufregend, lebendig und witzig kann der alte Molière also sein, wenn man ihm eine gehörige Portion italienisches Temperament verpaßt.

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