Kultur : ZURÜCK-THEATER

JÖRG THOMANN

Lunatismus, der: Form des Nachtwandelns, das Ausführen geordneter Handlungen im Tiefschlaf.Eine Erinnerung bleibt nicht zurück.Lunatische Lesungen, die: Projekt der Autorengruppe TNT ("Theater Neuen Typs"), jeden Monat bei Vollmond im Renaissance-Theater (Studio).Das TNT kämpft "für eine Sichtbarmachung und Förderung deutschsprachiger Gegenwartsdramatik".Erste Sicht- bzw.Hörbarmachung: "Im Einvernehmen", ein mit dem Förderpreis des Goethe-Instituts dekorierter "Entwurf in 10 Stationen" des Jung-, Viel- und Schnellschreibers Daniel Call.Es lesen zwei Frauen und vier Männer, drei von ihnen tragen Jacketts, die mit Bändern an der Decke befestigt sind.Maximiliane (mit Verve: Marion Kracht) trinkt Gin im Flughafen-Bistro und hofft auf Abstürze.Freundin Albertine (kühl: Ulla Meinecke) trinkt Sekt und sagt häufig das Wort "Ficken".Außerdem dabei: Maxies miese Exgatten (alle drei heißen Hellmut).Aus Rache greift Maxie nun zur Schere und schneidet einem nach dem andern den, ja, genau, Lebensfaden ab.Für die, die das nicht kapiert haben, erklärt der Erzähler: "Maximiliane löst sich von ihm." Call rechnet ab mit Spießertum und irgendwie auch dem Katholizismus, plädiert für weibliche Selbstbefreiung und beweist, daß Theater Neuen Typs ganz schön alte Botschaften haben kann."Man spürt", so läßt Call einen Hellmut einmal sagen, "die Wichtigkeit der Torte erst in Abwesenheit des Konditors." Der Autor ist anwesend, die Wichtigkeit des Stückes spürt man nicht.Die erste Lunatische Lesung: nur ein vollmondiges Versprechen.Eine Erinnerung bleibt nicht zurück.

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