Kultur : ZURÜCK - THEATER

CHRISTINA TILMANN

"Liebe kann blind machen, rosten kann Liebe; in Reinkultur ist sie Schlachtfeld der Triebe".In Joseph Moncure Marchs "wildem Fest" ist Liebe nur noch mechanische Motorik: "Wie Hammer auf Amboß, Stahl hart auf Stahl, ...Und Dampf, der mit Überdruck zischend abgeht an der großen Maschine, die Menschen durchdreht." Das 1926 geschriebene Gedicht schildert in schnoddrig gereimten Staccato-Sequenzen mit zynischer Offenheit verzweifelte Großstadtmenschen auf der Suche nach Nähe.Da sind Queenie und Burrs, die zusammenleben.Die rothaarige Kate ist Queenies beste Freundin und treibt es mit Burrs.Der ist eifersüchtig, weil Queenie mit Black flirtet, den Kate auf die Party mitgebracht hat.Und so weiter, und so fort.Daniel Fischer von Kammertheater 22, das sich seit 1995 auf unbekannte Texte der 20er Jahre spezialisiert hat, präsentiert mit Marchs Jazz-Gedicht "Das Wilde Fest" im Theater Zerbrochene Fenster (wieder heute sowie bis 30.11., Mi bis So, 20.30 Uhr) eine literarische Wiederentdeckung, die Aufsehen erregen könnte.Denn Jazztrommeln, Beziehungskisten und Partyexzesse evozieren eine Stimmung der "Roaring Twenties", die der im Berlin der Neunziger erstaunlich nahe kommt.Eine Zeit, in der Treue wenig und Rausch viel gilt.Die vier Schauspieler, zeitgemäß gekleidet mit Perlenkette, Smoking und Gel im Haar, haben Marchs "Juwel der Gosse" in klarer, sentenzhafter Diktion glänzend blankpoliert und auf einer mit Lichterketten umgebenen Bühne wie auf dem Silbertablett dargeboten.William Burroughs sagte über "Das wilde Fest", es habe ihm Lust auf Schreiben gemacht".Die Inszenierung im Theater Zerbrochene Fenster macht Lust auf Leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben