Kultur : ZURÜCK - THEATER

KAI MÜLLER

Es gibt Bilder, die man nicht sehen muß.Es reicht ein Satz, der sie charakterisiert: "Vietnamesisches Mädchen vor einem brennenden Dorf." Oder: "NVA-Soldat wirft sein Gewehr weg und springt über einen Stacheldrahtzaun." Solche Bilder haben sich mit einer Macht in die kollektive Erinnerung eingebrannt, daß eine Bildunterschrift genügen würde, um den Mythos abzurufen.Auch der Deutsche Herbst 1977 hat solche Ikonen hervorgebracht: Das Bild der Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Rollfeld in Mogadischu oder das erschöpfte Gesicht des entführten Hanns-Martin Schleyers vor dem Emblem der RAF.Sie signalisieren nicht nur den Höhepunkt des Terrorismus in Deutschland, sondern auch die Geburtsstunde der Mediendemokratie, den Urknall einer emotionalen Ökonomie.Fortan sieht der Fernsehbürger nur noch, was er sehen soll - lancierte, geklaute, gefälschte Informationen, die ihn erregen oder empören, zu Tode erschrecken oder euphorisch beglücken.Und wer hat die Kontrolle? Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger glaubt zum Glück nicht an den Autoritätsstaat.Aber seine Theaterperfomance "DonÕt look now II", die im Podewil gezeigt wird (noch bis Dienstag, 19.30 Uhr), ist schon ziemlich nahe dran.Ein wenig hilflos versucht er ein Medienspektakel zu inszenieren, das ganz anti-dramatisch vor allem das Verschwinden einzelner Akteure demonstriert.Die vier Schauspieler beschränken sich auf die kühle Rezitation originaler Tonbandprotokolle oder sie bieten nach Art des Telephon-Banking imaginären Interessenten historisches Dokumentar-Material an.Doch das ist leider zu wenig, um der emotionalen Aufladung und Mystifizierung des Geiseldramas im digitalen Bilder-Zirkus überaschende Einblicke zu entlocken.

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