Kultur : ZURÜCK - THEATER

ANDREAS KRIEGER

Vinyl ist der Stoff, aus dem die Erinnerungen sind.Vor eineinhalb Jahrzehnten waren Schallplatten noch etwas Teures.Heute findet man die schwarzen Scheiben nur noch auf dem Trödel.Veraltet wie ihre Platten fühlen sich auch die Mittdreißiger in Vinyl, dem tragikomischen Stück, das Fred Apke zusammen mit der Gruppe von Regisseur Ingo Kerkhof erarbeitete und das in einer neuen Fassung nun wieder im Theater am Halleschen Ufer gespielt wird."Von allen miesen Generationen sind wir die mieseste", erklärt Babyboomer Martin (Andreas Petri) den Minderwertigkeitskomplex seiner Altersgenossen.Andreas, der Maler, ist bereits tot.Vermutlich Selbstmord.Zu seiner Beerdigung treffen sich sechs Freunde im leeren Atelier, zum ersten Mal seit zwölf Jahren.Man hat sich nichts mehr zu sagen, blödelt herum, streitet, quält und erinnert sich: "Die Jugend war herrlich." Und heute? Öde Jobs, verlorene Träume, Einsamkeit.Jeder der sechs entblößt sich in einem Solo.Am weitesten treibt es die von Magdalena Artelt mal cool, mal verletzlich gespielte Esther: Sie schweigt und zieht sich aus.Verloren steht sie in ihrer Nacktheit da.Will mich keiner lieben? Damit es nicht allzu melodramatisch wird, legt immer mal wieder einer das gute alte Vinyl auf den Plattenteller.Prince, Supertramp, "Freeeak Out".Die Leichenfeier wird dann zur Teenie-Fete: die Gefrusteten spielen Luftgitarre und tanzen synchron wie eine Boygroup.Von heute sind diese Babyboomer nicht.Das knistert wie zerkratztes Vinyl, wenn sie ihre Klagelieder leiern.Und doch strahlt es eine Wärme aus, die unserer Zeit abhanden gekommen scheint.

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