Kultur : ZURÜCK - THEATER

TOM HEITHOFF

Wie der Zufall so spielt.Da steht ein junger Mann mit einer Reifenpanne am Straßenrand und winkt.Man hält und hilft.Man besucht ihn, und die Frau des jungen Mannes will dem Gast "den Prozeß machen - hier und heute", weil er angeblich einer ihrer Folterer während der chilenischen Diktatur gewesen sei.Man hält sie natürlich für verrückt.(Das ist eine Sicht.) Wie der Zufall so spielt.Da liegt plötzlich ein Kerl auf dem Sofa, einer, der ihrem Mann geholfen hat, als er mit geplatztem Reifen an der Straße stand.Sie erkennt in ihm denjenigen, der vor vielen Jahren einer ihrer Folterer gewesen ist ...(Das ist die andere Sicht.) Bis zum Schluß weiß der Zuschauer nicht, ob sie wahnsinnig ist, wie der Gast Roberto (großartig undurchdringlich Klaus Pönitz) behauptet, oder ob der Fremde lügt.Regisseur Peter Böttcher trägt mit "Der Tod und das Mädchen" von Ariel Dorfman keine Chile-Exotik ins Stükke-Theater (bis 28.3.donnerstags bis sonntags, 20 Uhr 30).Die modern-zeitlose Bühne wird zum Gericht.Fragen werden verhandelt, vor allem die nach der "richtigen" Gerechtigkeit.Vergeltung? Vergebung? Eva Mannschott spielt das Folteropfer Paulina besonders eindrücklich, wenn sie leise ist: verletzt und verletzlich, während sie mit zunehmender Aggressivität - die Pistole im Anschlag - ein wenig zu sehr die Powerfrau ausstellt.Nach fünfzehn Jahren sieht sie ihren Peiniger wieder.Sie fesselt ihn.Jetzt hat sie die Macht.Übernimmt das Opfer nun die Methoden des Täters? Wie menschlich ist der Drang, sich schuldig zu machen? Notiz am Rande: Ein hämisches Lachen entsprang einer Zuschauerin, weil die Musik bereits erklang, bevor Paulina die Kassette eingelegt hatte.Ja, es ist so leicht, bösartig zu sein.

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