Kultur : ZURÜCK - Versöhnt

JÖRG THOMANN

Die Tage vor Weihnachten sind furchtbar; noch weniger erträglich ist das ritualisierte Klagegeschrei.Auf den ersten Blick schien es, als würden auch die MS Schrittmacher mit ihrem Tanzstück "Aus einer Wurzel zart" den Weihnachtsterror in all seinen Facetten anprangern wollen, angefangen beim alljährlichen Gemetzel in unseren Nadelwäldern: Mit Baumstümpfen übersät ist die Bühne im Dock 11, zwei Dutzend Tannen hängen, wie zum Himmel emporfahren, an der Decke.Daß sie irgendwann zu Boden krachen, ist nicht der letzte überraschende Effekt an diesem Abend.Zur weihnachtlichen Musik von Sir John Henry faßt Choreograph und Ausstatter Martin Stiefermann den Sinn und Unsinn der Festtage in Bilder von hohem Wiedererkennungswert: Vom rasanten Plätzchenbacken übers kindliche Flötenspiel bis zur desillusionierenden Bescherung ist alles dabei, was uns Weihnachten so liebens- oder hassenswert erscheinen läßt.Anders als befürchtet kommt dies aber nicht daher als platte Kitsch- und Konsumkritik, sondern als charmanter Reigen aus dramatischen, anrührenden und oft hochkomischen Szenen - wie etwa jener Eiskunstlaufnummer, in der die Tänzer Gilys Komova und Christian Schwaan gekonnt über die imaginäre Eisfläche gleiten und mit gequältem Strahlen das für die Sportart typische aufgesetzte Pathos parodieren.Das alles ist nicht wirklich hintergründig, aber spätestens, wenn die Täter plötzlich Glühwein und Kekse verteilen - der Platz in der ersten Reihe sei hier einmal ausdrücklich empfohlen -, ist man mit der Weihnachtszeit versöhnt.Schade, daß sie so kurz ist.(Wieder heute abend sowie am 26., 27., 29.und 30.Dezember um 20.30 Uhr)

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