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Jörg Plath

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

Ist er nun sonnengegerbt, der Wüstensohn aus Transsylvanien, oder nicht? So leicht ist das am Sonntagnachmittag nicht festzustellen. Der lysolgeschwängerte Festsaal der Sophiensäle ist für die „Poetry Talks“ abgedunkelt, und das Gesicht des zarten Lorand Gaspar zieren viele Falten, weil der 78-Jährige seine Weisheit stets freundlich lächelnd austeilt. Sicher ist jedoch, dass die Wüste das Leben und die Gedichte des Mannes geprägt hat, der „hinter dem Rücken Gottes“ in einem rumänischen Dorf geboren wurde.

Dichter und Wissenschaftler wollte Gaspar schon in der Schule werden. Doch 1944 wurde der Student der Naturwissenschaft aus Budapest in ein süddeutsches Arbeitslager deportiert, 1945 floh er in ein französisches Lager. „Durch den Determinismus der Umstände bin ich nach Frankreich gekommen“, sagt Gaspar nur. Als Arzt ging er 1954 nach Israel, 1970 nach Tunis. Im Sechs-Tage-Krieg bemerkte er, dass viele Israelis nichts von der Existenz der Palästinenser wussten. Warum die Erfahrungen des Krieges, des Hasses und des Fanatismus in dem seit 1966 erscheinenden Werk dennoch kaum spürbar sind, möchte Joachim Sartorius in einer seiner wenigen, auf zentrale Aspekte zielende Fragen wissen.Er sei früh mit der untrennbaren Einheit des Lebens aus Lust und Leid konfrontiert worden, antwortet Gaspar, man müsse sie eben akzeptieren. Auf dem Flug nach Israel habe er sich in die Wüste verliebt, bekennt Gaspar. Sie inspirierte seine Poetik, die das Gesehene, Erfahrene, Gedachte und die Wissenschaft vereinen will. Worauf Sartorius nachfasst: „Macht die Zivilisation krank?“. Gaspar freut sich königlich und wechselt ins Deutsche: „Ich habe die Frage nicht beantwortet!“ Nein, ihn habe einfach das Unbekannte gereizt. Was er bescheiden verschweigt: dass Gaspars Gedichte uns erhellen.

Ein reicher Reeder hat seine Frau verstoßen, weil sie allein aus dem Haus zu gehen gewagt hat. Um sie wieder zu sich zu nehmen, muss er sie nach islamischem Recht allerdings erst mit einem anderen Mann verheiraten, der sie seinerseits verstößt

Leïla Marouane erzählt diese wundersame algerische Scheidung in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Roman „Entführer“ - nicht ohne Witz, vor allem aber mit Gespür für den Wahnwitz, dem Frauen in einer islamisch geprägten Kultur ausgesetzt sind. Um fundamentalistischen Angriffen zu entgehen, lebt die kritische Schriftstellerin und Journalistin seit 1990 in Paris. Ihren alten Verlag, der sie ins Vokabular Scheherezades aus „1001 Nacht“ einsperren wollte, hat sie verlassen. Heute diskutiert sie in den Sophiensäl en mit ihrem Landsmann Boualem Sansal über die algerische Literatur (15 Uhr).

Nachdem der bei seinem Debüt 50-jährige Sansal mit dem Roman „Der Schwur der Barbaren“ (1999) hervortrat, wurde er als hoher Beamter im algerischen Industrieministerium kaltgestellt. Obwohl seine Bücher in Frankreich geschätzt werden, gilt er in Algerien, wo er trotz allem lebt, als Nestbeschmutzer. In „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“ (2000) attestiert er dem algerischen Volk, in einem „riesigen Gefängnis“ zu leben, ohne Aussicht, sich daraus zu befreien. Die Schuld an der Ausweglosigkeit lädt Sansal aber nicht allein der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich auf. Er nennt den Staatsterror der bis 1989 allein regierenden Befreiungsbewegung FLN ebenso beim Namen wie den fundamentalistischen Terror der Islamischen Heilsfront FIS. So wie die Gewalt des Alltags die Romane von Marouane grundiert, beschreibt Sansal die Identitätskrise eines Landes, in dem der Übergang zur Demokratie westlichen Zuschnitts jeden Tag blutig scheitert. Steffen Richter

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