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Steffen Richter

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

Hand aufs Herz: Literatur aus Sri Lanka steht nicht gerade im Ruf, zum unverzichtbaren Kanon zu gehören. Im Grunde steht sie bei uns in gar keinem Ruf. Schade eigentlich. Denn wer Romesh Gunesekera am Montag in den Sophiensälen erlebt hat, dürfte das künftig anders sehen. Nicht nur, weil er so schön seine Stimme moduliert, um die verschiedenen Rollen seines Romans zu lesen. „Sandglas“ ist einfach ein gutes Buch. Im Zentrum stehen zwei verfeindete Familienclans. Erzählt wird, wie die britische Kronkolonie 1948 in die Wirren der Unabhängigkeit entlassen wird. Es geht um ein „in die Jahre gekommenes Empire“ und den „Drang, wegzugehen“.

Weggegangen war auch Gunesekera. Geboren 1954 in der Hauptstadt Colombo, lebte er eine Zeit lang auf den Philippinen, bevor er nach London kam. Von dort aus beschreibt er – raffiniert verschachtelt – was in den Geschichtsbüchern so nicht steht. Die Architektur des Romans erkundet Colombo oder London als Räume, in denen sich Erinnerungen und Imaginationen ablagern und sich Identitäten ausbilden. Nie hat man den Eindruck, hier würde eine Geschichte effekthascherisch in exotische Gewänder geschlagen. Genauso wenig ist sie auf postkoloniale Klischees getrimmt. Ob er sich als postkolonialer Autor verstehe, wird er gefragt. „Darüber weiß ich nicht viel“, gesteht Gunesekera mit srilankischem Understatement. Außerdem würden wir nach Lage der Dinge wohl gleichermaßen in einer post- wie präkolonialen Welt leben. Dass Gunesekara doch eine ganze Menge darüber weiß, lässt sich in seinen Büchern nachlesen, die im Unionsverlag auf Deutsch erscheinen.

Das Ausland macht es sich einfach: Hierzulande gilt Achmat Dangor als südafrikanischer Schriftsteller. Am Kap überlegen einige noch immer, ob er ein farbiger oder ein indischer Autor sei. Fragt man ihn selbst, sagt er, der sein Engagement für die Sache der Schwarzen mit jahrelangem Arrest bezahlt hat: „Ich sehe mich nicht als südafrikanischen Schriftsteller“ – wegen des überwältigenden Schattens der Apartheid. Dangor will einfach Schriftsteller sein. Es gehört Chuzpe dazu, ihn heute um 15 Uhr in den Sophiensälen gemeinsam mit seinem Landsmann Lewis Nkosi unter dem Titel „Literaturen heute: Südafrika“ auf die Bühne zu setzen.

Auch Lewis Nkosi ist nicht der Vorzeigesüdafrikaner, den man sich in ruhigeren Weltgegenden als Repräsentanten vorstellt. Der Journalist, Mitarbeiter des legendären „Drum“-Magazins, erhielt 1960 erst einen Pass für ein Harvard-Stipendium, als er formell auf die Rückkehr verzichtete. Nkosis Hoffnung auf eine baldige Besserung der Situation erfüllte sich nicht, er wanderte aus den USA nach England, Sambia und Polen und kehrte erst 1991 zurück. Achmat Dangor und Lewis Nkosi vertreten ein neues, junges Südafrika. In dem Roman „Weiße Schatten“ (dtv) erzählt Nkosi von der verbotenen Beziehung zwischen einer Weißen und einem Schwarzen, die die Apartheid bis in die Wünsche und die Sprache hinein verwüstet. Und Dangor schildert in „Kafkas Schatten“ (Knaus) einen Muslim, dessen Lebenslüge auffliegt: um eine Weiße lieben zu können, wurde er zum Juden. Identitäten, deren Konstruktion und Erfindung sind ihre Themen. Ob sie auch das Thema der südafrikanischen Literatur sind? Jörg Plath

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