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Stephan Schlak

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

Günter Wallraff kam, und noch viel besser, er kam direkt vom Tischtennisspiel mit Wolf Biermann ins Filmkunsthaus Babylon. Ping Pong mit dem DDR-Staatsfeind Nr.1 – wenn das nicht die Absolution allerhöchsten Grades ist. Geht Wallraffs Stasi-Märchen am Ende doch gut für ihn aus? Eigentlich mögen wir kaum glauben, dass ausgerechnet der böse Wolf das verdächtigte Rotkäppchen ungeschoren lässt. Wenigstens ordentlich geschmettert haben muss doch der Wolf beim Ping Pong. Von Wallraff dagegen ist bekannt, dass er ein guter Schnibbler ist.

Ein Teil seines literarischen Schnibbelwerkes, eine alte DEFA-Verfilmung seiner Sozialreportagen aus den hässlichen Siebzigern, wurde nun im Babylon gezeigt – „Steckbrief eines Unerwünschten“. Dass der Film in der DDR „unerwünscht“ war, kann man nicht gerade behaupten. Wallraffs Film war eine Waffe im Klassenkampf. Er selbst sieht das natürlich anders: Heute wie früher sei er Anfeindungen ausgesetzt – das sei ja eben das Schicksal eines „Unerwünschten“. Im Kinosaal von Anfeindungen keine Spur. Als ob die verdrucksten Fünfziger immer noch andauerten, sprach keiner, auch nicht der Moderator, die Stasi-Causa an. Alle waren gekommen, um von Wallraff Aufmunterungen gegen ihre kapitalistische Depression zu bekommen. Um den Gesinnungsbeifall der Alten auch zukünftig einzuheimsen, plant Wallraff, seinem Vernehmen nach, seit längerem schon einen neuen operativen Vorgang – undercover will er die inhumanen Verhältnisse in deutschen Pflegeheimen aufdecken. Als Tarnung raten wir von einer linken Augenbinde unbedingt ab.

Gibt es eine Frauenliteratur, die speziell für Männer geschrieben ist? Gibt es eine afrikanische Literatur, die speziell für die so genannte erste Welt geschrieben ist? Diese Frage könnte man an die Schriftstellerin Fatou Keïta richten, die mit ihren engagierten Kinder- und Erwachsenenromanen vor allem eines will: aufklären. Manch einem aus unserer „ersten Welt“, die so unermesslich reich und satt ist, deren Lamento über Wirtschaftskrisen von fast überall sich nach zynischer Koketterie anhört, ist Aufklärung bisweilen ein Reizwort, „moralische Literatur“ ein Grund zum Gähnen. Was für eine Arroganz, was für ein Irrsinn in dieser Haltung liegt, erkennt man bei der Lektüre der wunderbaren Kinderbücher Keïtas, wie etwa „Le petit garçon bleu“, „Der kleine blaue Junge“, auf Deutsch erschienen im KiK–Verlag: Ein Lehrstück über Rassismus und Ausgrenzung.

Fatou Keïta wurde in Soubré in Elfenbeinküste geboren, wo sie heute wieder lebt, als Dozentin für Anglistik in der Hauptstadt der Elfenbeinküste, Abidjan. Als Kind ging sie mit ihrer Familie nach Frankreich, studierte in London und bekam ein Fulbright-Stipendium für Studien in den USA. In Deutschland wurde sie bekannt mit ihrem Roman „Die stolze Rebellin“ (Frederking & Thaler, 2000), das ein Tabuthema thematisiert: Die junge Heldin Malimouna flieht vor der grässlichen Tradition der Genitalbeschneidung und vor der Zwangsheirat aus ihrem Dorf nach Paris und lernt dort das Leben in den Immigrantensiedlungen kennen. Heute liest Fatou Keïta um 19.30 Uhr in Evas Arche/Sophiengemeindehaus in der Großen Hamburger Straße 28. Marius Meller

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