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Jörg Plath

INTERNATIONALES LITERATURFESTIVAL BERLIN

Erinnern kann man sich eigentlich kaum an ihn. Zu Lebzeiten sind von den rund 10000 Seiten, die Jürgen von der Wense (1894-1966) auf seinem Göttinger Dachboden anhäufte, ganze 40 veröffentlicht worden. Posthum folgten zwei Bände bei Matthes & Seitz. Wense wollte offenbar Becketts „Gekommen, gegangen“ genügen: Ein „Künstler des Verschwindens“ sei er gewesen, erklärte Reiner Niehoff am Donnerstag in einer Veranstaltung der Reihe „Erinnerung, sprich“.

Das will er im nächsten Jahr mit einem Briefband bei Zweitausendeins hintertreiben und gibt schon mal einen Vorgeschmack – einen, der süchtig machen kann. Denn Wense tritt aus den Briefen plastisch hervor: ein expressionistischer Autor; ein Komponist (Wense: „Komponix“), dessen Werke in den 20er Jahren schon mal eine Saalschlacht auslösen; in den 30er Jahren ein Wanderer rund um Paderborn , der ein neuer Herder sein will; ein Privatgelehrter, der an einem Erdbebenkatalog, einer Weltgeschichte des Wetters und Übertragungen aus dem Isländischen, Altirischen, Chinesischen, Arabischen sowie Sprachen von mehr als 70 afrikanischen Ethnien arbeitet.Eine Enzyklopäde zur Feier des Menschen und der Erde schwebt Wense vor. Seine Briefe sind apodiktisch („Konzerte sind wie beim Arzt“), schwärmerisch und komisch, und Vadim Glowna verleiht ihnen einen überraschend tragischen Ton.

In manch einem schwingt noch Wenses „Die Erde ist ein Stern. Wir leben im Himmel“ nach, als Festivalleiter Ulrich Schreiber auf die Bühne stürmt und den „lieben Vadim“ bittet, aufzuhören. Die Zeit, sie war vergessen.

Kraniologie ist die Lehre vom Schädel. Was ist ein Kranionaut? Ein Reisender durch das Dunkel im Inneren. Einer, der eintaucht ins Labyrinth des Gehirns, um sein Gedankenknäuel abzuwickeln und an jeder Biegung neue Fäden aufnimmt. Ein Schriftsteller also wie der Schwede Aris Fioretos , Sohn griechisch-österreichischer Eltern, der mit seinem Romandebüt „Die Seelensucherin“ im Jahr 2000 auch in Deutschland große Aufmerksamkeit fand. Das gerade erschienene Bändchen „Mein schwarzer Schädel – Stockholmvisionen“ ist ein dichter poetologischer Essay, der aus mehreren Richtungen versucht, „das Bewusstsein in flagranti zu ertappen“. Ergänzt wird er von einem schönen Porträt aus der Feder seines Freundes Durs Grünbein, die den inzwischen als Kulturattaché der schwedischen Botschaft in Berlin lebenden Autor als „Artgenossen“ skizziert. (Aus dem Schwedischen von Paul Berf. DAAD, Reihe Spurensicherung, Bd. 14. 65 Seiten, 8,60 €.)

Charles Baudelaire, Walter Benjamin und Per Olov Enquist sind einige der Stichwortgeber. Vor allem aber durchzieht eine prägende Kinoerfahrung des Zwölfjährigen den Text. Im Protagonisten von Dalton Trumbos „Johnny zieht in den Krieg“ erkennt Fioretos ein Sinnbild für die Arbeit des Schriftstellers. Trumbos Film ist die Geschichte eines amerikanischen Soldaten, der völlig invalide aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt und „nur noch Gehirn“ ist: „Auf die eine oder andere Art hatte ich mich wiedererkannt.“ Heute um 19 Uhr liest Aris Fioretos aus „Mein schwarzer Schädel“ in der Galerie quicksilver in der vierten Etage des Stilwerks in der Kantstraße. Gregor Dotzauer

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