Kultur : Zurück zum Ursprung

JÜRGEN TIETZ

Idyllisch liegt das von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Landhaus Lemke am Ufer des Obersees in Hohenschönhausen.1932/33 wurde das kleine Wohnhaus aus Backstein für das Ehepaar Lemke errichtet.Seinen Reiz eröffnet das von der Straßenseite unscheinbar wirkende, flache Gebäude mit den Abmessungen eines Sommerhauses erst auf der Gartenseite.Mit großen Stahlfenstern öffnet sich der Bau zur Terrasse und dem anschließenden Garten, der malerisch zum Obersee abfällt.Die weiten Glasflächen bilden einen reizvollen Kontrast zu den kleinteiligen braunroten Ziegelsteinen mit ihrer bewegten Oberfläche.

Das Raumprogramm des Hauses ist eher bescheiden und ganz den Bedürfnissen eines Zweipersonenhaushalts angepaßt.Zu beiden Seiten der Terrasse schließen sich die lichtdurchfluteten Haupträume des Hauses an.Hier befanden sich ursprünglich der Wohn- und der Arbeitsbereich der Lemkes.

Im Gegensatz zu der mit repräsentativen Stahlrohrmöbeln ausgestatteten Eleganz des marmorglänzenden Barcelonapavillon, mit dem Mies van der Rohe auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona Weltruhm erntete, oder der luftigen Weite von Haus Tugendhat in Brünn (1929/30) erweist sich das Landhaus Lemke als ein intimes, fast bodenständig anmutendes Backsteingebäude.Solch Bodenständigkeit dokumentieren auch die alten Fotos der Innenausstattung.Sie zeigen die heute teilweise im Kunstgewerbemuseum verwahrten Möbel, die wohl auf einen Entwurf von Lilly Reich zurückgehen.Lemkes waren auch Kunstsammler.Neben einer Arbeit von Max Pechstein sammelten sie vor allem niederländische Kunst des 16.Jahrhunderts.

1945 übernahm die Rote Armee das Haus - mit gravierenden Folgen für die Bausubstanz.Teils diente das Landhaus fortan als Kfz-Werkstatt für die Sowjets, teils als Wäschelager für die Staatssicherheit.Folglich waren die Veränderungen insbesondere im Inneren massiv.Die gläsernen Trennwände - die die Lemkes offenbar selber mit Stoff bezogen hatten - wurden entfernt, der Grundriß durch neu gezogene Wände verändert, die raumhohen Türhöhen revidiert, die Stahlfenster ausgetauscht.1979 wurde das Landhaus Lemke jedoch unter Denkmalschutz gestellt.Erste Rekonstruktionsansätze näherten das Haus in Teilen wieder dem verlorenen historischen Zustand an.Während der veränderte Grundriß beibehalten wurde, baute man an der Terrasse wieder Fenster mit Stahlprofil ein und besserte das Mauerwerk aus.1990 übernahm schließlich das Bezirksamt Hohenschönhausen das Gebäude.Unter seiner Leiterin Wita Noack ist es mittlerweile zu einer bedeutenden Berliner Kunstadresse aufgestiegen.

Für die Nutzung als Galerie soll das Landhaus jetzt nach den Vorstellungen des Hochbauamtes Hohenschönhausen bis zum Jahr 2000 wieder in den originalen Zustand der Erbauungszeit zurückversetzt werden.Neben der Rückgewinnung des klaren Grundrisses und der Rekonstruktion der gläsernen Wände sollen unter anderem auch die Ausbesserungen aus anderen Ziegeln am Außenbau dem Original wieder angeglichen werden.Für die gravierenden Veränderungen der Nachkriegszeit bleibt da wenig Raum.Statt sich in einem kritischen Dialog mit den Veränderungen an dem Baudenkmal auseinanderzusetzen und sie entsprechend der neuen Galerienutzung weiterzuentwickeln, wird die Aura des originalen Entwurfs beschworen - freilich auch nur in Teilen.Sowohl die baulichen Veränderungen der letzten fünfzig Jahre als auch die veränderte Nutzung als Galerie lassen solches Vorhaben zweifelhaft erscheinen.Denkmalpflegerisch sind sie zumindest strittig.Einem kürzlich vom Hochbauamt Hohenschönhausen veranstalteten Kolloquium zur Rekonstruktion des Hauses soll im nächsten Jahr ein weiteres folgen.

Bleibt zu hoffen, daß bis dahin noch einmal über ein differenzierteres Konzept im Umgang mit dem vielschichtigen Baudenkmal nachgedacht wird.

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