Kultur : Zurück zur Utopie

Vor fünfzig Jahren wurde das Hansaviertel als „Stadt von morgen“ gefeiert. Jetzt zieht eine Ausstellung Bilanz

Michael Zajonz

Wenn der Sozialismus gesiegt hätte, sähe es im Hansaviertel so aus: Zwei glückliche Mütter beugen sich über adrette, korrekt gescheitelte Kinder. Karl Schönherrs Bronzeskulptur „Mütter mit Kindern“ wurde 1970 auf der Prager Straße in Dresden aufgestellt. Nach der Wiedervereinigung wurde das Denkmal von der einstigen sozialistischen Renommiermeile entfernt und eingelagert. Die Künstlerin Ute Richter hat das propagandistische Mutterglück nun wieder zutage gefördert und – temporär bis Mitte Juli – vor dem „Schwedenhaus“ im West-Berliner Hansaviertel aufstellen lassen. Der arglose Blick auf die Figurengruppe suggeriert: Die könnten schon immer dort gestanden haben. Schließlich sprach auch Franz-Josef Wuermeling, Adenauers Familienminister, vom „Mutterberuf“.

Die Verpflanzung der ästhetisch eher belanglosen Skulptur gehört als doppelsinniges Kunstprojekt zur Ausstellung „Die Stadt von morgen“. Als Teil des Jubiläumsjahrs zur Eröffnung des Hansaviertels vor 50 Jahren ist die nach einer Sonderschau von 1957 benannte Ausstellung derzeit im Haus der Akademie der Künste am Hanseatenweg und dessen fußläufiger Umgebung zu sehen. Die Dresdner Mütter-Kind-Gruppe, ein Musterbeispiel des Sozialistischen Realismus, wurde übrigens genau an jener Stelle platziert, wo 1957 die abstrakte „Große Nike“ des West-Berliner Bildhauerstars Bernhard Heiliger stand.

Den 15 an der „Stadt von morgen“ beteiligten Künstlern geht es vordergründig nicht um Stadtgeschichte oder gar Retroästhetik, sondern um das Hansaviertel als Beispiel der ideologisch vereinnahmten Nachkriegsmoderne – einschließlich der Frage, was von den gesellschaftlichen Utopien übrig geblieben ist. Eine Antwort finden die wenigsten der ausgestellten Werke. Im September soll eine Ausstellung zur Architekturgeschichte folgen.

Eines steht schon zu Beginn der Jubiläumsveranstaltungen fest: Das 50 Jahre junge Hansaviertel, errichtet zur Internationalen Bauausstellung Interbau Berlin 1957, polarisiert – erstaunlicherweise – noch immer. Berlins kürzlich pensionierter Senatsbaudirektor Hans Stimmann etwa ließ es sich nicht nehmen, unter der Schlagzeile „Im Hansaviertel wurde die Stadt gemordet“ in der „Welt“ Berlins einstiges Vorzeigeprojekt zu verdammen. Stimmanns Kritik arbeitet sich nicht nur am aus seiner Sicht gescheiterten Städtebau der Moderne ab, sondern ebenso am Verlust des alten Hansaviertels, einer Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten gutbürgerlichen Wohngegend mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil.

Es war die erklärte Absicht der Interbau-Planer, mit dem Alten kurzen Prozess zu machen. Bundespräsident Theodor Heuss schrieb im Vorwort des Interbau-Katalogs: „Das sogenannte ‚Hansa- Viertel’, dessen so totale Vernichtung den Raum für eine einheitliche Lösung anbot, gehört zu jenen Stadtteilen der rasch wachsenden jungen Reichshauptstadt, die schlechterdings keinen künstlerisch oder auch nur lokalhistorisch interessanten Baukörper enthielten.“ Zuvor waren rund 40 wiederaufbaufähige Gebäude abgerissen, 159 Grundstücke teils gegen den Widerstand der Eigentümer in kommunalen Besitz überführt, der Straßenverlauf radikal verändert, die alten Versorgungsleitungen aus dem Boden gerissen worden. Alles, um Platz zu schaffen für die bekanntesten Architekten der westlichen Welt.

Helden der Moderne wie Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Alvar Aalto, die Niederländer Jan van den Broek und Jacob Bakema haben im Hansaviertel gebaut: als Reaktion auf den stalinistischen Prunk der Ost-Berliner Stalinallee. Im „Schaufenster des Westens“ sollte die politische Bindung der Bundesrepublik auch ästhetisch zum Ausdruck kommen.

Die Interbau wurde ein riesiger Erfolg. Fast eine Million Besucher, jeder Dritte aus Ost-Berlin und der DDR, strömten trotz größter Sommerhitze ab dem 6. Juli 1957 ins Hansaviertel. Vom Bahnhof Zoo aus konnte man mit einer Sessellift-Seilbahn einschweben. Es gab chic möblierte Musterwohnungen, Vorführungen moderner Haushaltsgeräte – kurz: ein neues, unbeschwertes Lebensgefühl zum Anfassen und Hineinträumen. Selbst die Glockentürme der beiden neuen Kirchen Kaiser-Friedrich-Gedächtnis und St. Ansgar vermittelten mit ihren schlanken, durchsichtigen Konstruktionen diese Leichtigkeit. Architektur als Fest: Besucher von damals vergleichen die Stimmung mit dem heißen WM-Sommer 2006.

Im U-Bahnhof Hansaplatz kann man derzeit neben Fotos des Eröffnungssommers Sätze wie diesen lesen: „Nach meinem Einzug habe ich mich wie ein neuer Mensch gefühlt.“ Es gibt sie immer noch, die Erstbewohner von 1957, die mit ihrem Viertel in die Jahre gekommen sind. Inzwischen haben auch Jüngere, darunter viele Freiberufler, die grüne Wohnoase am Rande des Tiergartens entdeckt. Block für Block werden die ehemaligen Sozialbauten in Wohneigentum umgewandelt. Mit sichtbaren Folgen: Nirgendwo sonst säumen so viele Verbotsschilder die Grünflächen.

Der Dokumentarfilmer Marian Engel lässt sich in seinem Film „Leben in der Stadt von morgen“, der als DVD in der Akademie erworben werden kann, Zeit, um den Bewohnern, alten wie neuen, zuzuhören. Sie sprechen auch über den Ärger mit den Parkbänken. Ein Bürgerverein Hansaviertel hatte sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass die meisten öffentlichen Sitzgelegenheiten abmontiert werden sollten, weil sich besonders ältere Anwohner durch dort lagernde Obdachlose bedroht fühlten. Ein Streit, auf den der Künstler und Hansaviertel-Bewohner Martin Kaltwasser mit einer Provokation reagierte: Er baute eine neue Bank und stellte sie nachts heimlich auf. Die Aktion dokumentiert er nun in einem selbst gebastelten Bauwagen, den er hinter der Hansa-Bücherei aufgestellt hat. Schön ist seine Blechkiste nicht. Und macht doch klar: Leben in der Stadt von morgen heißt vor allem – heute leben.

Akademie der Künste am Hanseatenweg, bis 15. Juli, Sa/So 12–20, Mi–Fr 15–20 Uhr. Begleitprogramm unter: www.diestadtvonmorgen.de

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