Kultur : Zurückbleiben, bitte

Eine

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von Peter Laudenbach

Das waren Zeiten, als „No Future“ noch eine PunkParole war und kein larmoyantes Verdi-Genöle. Gemütlich kaputt ging´s zu im alten Westberlin, der „Schulabgänger-Deponie“, dem „Synchronsprechernest“, das behaglich am Subventionstropf vor sich hingammelte, ein Idyll „von Krankwitz bis Morbid“. Die U-Bahnfahrt kostete zwei Mark zehn Pfennige, die Mauer sorgte für sumpfige West- und Nestwärme und von obskuren Dingen wie dem Internet, Hartz IV, Handys und der Globalisierung hatte noch kein Mensch etwas gehört. Punks nuschelten freundlich „Haste mal ne Maak“, U-Bahn-Kontrolleure konnte man schon von weitem an ihrer blauen Uniform erkennen, Kampfhunde waren noch nicht in Mode, im fernen „Wessiland“ verbreitete Helmut Kohl bräsiges Wohlbehagen, und der 11. September war ein Spätsommertag wie jeder andere.

Das Grips Theater hat sich auf die Suche nach dieser verlorenen Zeit gemacht und seinen Klassiker „Linie 1“ reanimiert. Es zeigt sein Berlin-Musical 18 Jahre nach der Uraufführung in der Ur-Version, bereinigt um alle Modernisierungen von Mauerfall bis Euro, mit denen Volker Ludwig, der Grips-Chef, Textdichter und Lokführer der „Linie 1“ das Stück den Zeitläuften angepasst hat. Man sieht sozusagen die historisch-kritische Ausgabe: Beweis dafür, dass nicht nur in der klassischen Musik die Rekonstruktion der historischen Aufführungspraxis ihren eigenen Reiz hat. Und, was soll man sagen: Nach 1159 Aufführungen präsentiert sich die U-Bahn-Revue frisch und anrührend wie am ersten Tag.

Zu den schrägen Typen, Wilmersdorfer Witwen, freundlichen Kleindealern, japanischen Touristen („Kottbusel Tol“), Heimatvertriebenen, mürrischen Malochern, der schwangeren Türkin und dem verliebten Provinzmädchen ist eine neue Mitspielerin hinzugekommen. Mächtig steht sie auf der Bühne, liebenswert und etwas unheimlich: die Nostalgie. Schön war´s im Soziobiotop Westberlin. Selbst der Sozialverlierer-Blues der Penner hat etwas Anheimelndes, die Erzählungen von Arbeitslosigkeit und vergeblicher Job-Suche klingen resigniert, aber nicht verzweifelt. Unter Einsamkeit und Liebessehnsucht leiden die U-Bahn-Fahrer allemal mehr als unter Zukunftsängsten und der Panik, ins soziale Aus zu stürzen. Und gerade weil der Menschenfreund Volker Ludwig seine Typen so genau zeichnet, weil sie so unverkennbar aus den Achtzigerjahren stammen, spürt man, wie fern diese Zeit inzwischen ist.

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