Kultur : Zurückgewinngemeinschaften

Kirchner, Klimt und Co.: die Rolle von Auktionshäusern und Anwälten bei Restitutionsverfahren

Stephanie Ringel

Die „Berliner Straßenszene“ von Ernst-Ludwig Kirchner ist ein Spitzenwerk des deutschen Expressionismus und gilt als nationales Kulturgut. Bis zum 30. Juli hing das Gemälde im Berliner Brücke-Museum. Im November steht es, wie berichtet, bei Christie’s in New York zum Verkauf. In einem zwei Jahre andauernden und vor der Öffentlichkeit geheim gehaltenen Restitutionsverfahren wurde das Bild vom Berliner Senat den Erben des früheren jüdischen Eigentümers Alfred Hess zurückgegeben.

Das Kirchner-Gemälde ist ein Beispiel für eine ganze Serie bedeutender Kunstwerke aus ehemals jüdischem Besitz, die veräußert werden. Den Schätzpreis bestimmte das Auktionshaus auf 18 bis 25 Millionen Dollar. Ebenfalls im Herbst bietet das gleiche Auktionshaus vier Bilder von Gustav Klimt an, die das Wiener Museum Belvedere nach sechsjähriger Verhandlung an die jüdischen Erben zurückgegeben hat. Wert: 100 Millionen Dollar. Und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mussten im letzten Jahr Adolph von Menzels „Nachmittag im Tuileriengarten“ restituieren. Auch dieses Bild wurde weiterverkauft und hängt jetzt in der Londoner National Gallery.

Welche Rolle spielen bei der Rückführung von Kunstwerken Auktionshäuser und Anwaltskanzleien? Auffällig im Fall des Kirchner-Bildes war, dass Christie’s den Rückgabeprozess des Bildes über Monate aktiv begleitet hat. Andreas Rumbler, Geschäftsführer von Christie’s Deutschland: „Wir standen immer in Kontakt mit den Anwälten der Hess-Erben. Sie wollten natürlich von uns eine internationale Markteinschätzung haben.“

Kaum war das Bild restituiert, bot Christie’s es zum Verkauf an. Mit diesem Hauptwerk des Expressionismus hat das Auktionshaus nicht nur ein prächtiges Zugpferd für seine November-Auktion. Es verdient daran auch in Millionenhöhe. Beide großen Auktionshäuser, Christie’s und Sotheby’s, unterhalten eigene Abteilungen zur Provenienzforschung. Diese recherchieren die Herkunft der zum Verkauf stehenden Kunstwerke. So soll verhindert werden, dass Stücke angeboten werden, die zwischen 1933 und 1945 jüdischen Besitzern zu Unrecht abhanden kamen und den rechtmäßigen Erben nie zurückgegeben wurden. Die Auktionen sollen, so Lucian Simmons von Sotheby’s, „clean“ sein.

Seit der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 über den Umgang mit Raubkunst sollen Kunstwerke an die Eigentümer oder an deren Nachkommen zurückgelangen, wenn in den Depots von Museen Kunstwerke aus Beschlagnahmungen gefunden werden. Dazu hat sich auch die Bundesrepublik Deutschland 1999 mit einer Grundsatzerklärung sowie 2001 mit einer „Handreichung“ zu deren Umsetzung klar bekannt.

Eine weitere Aufgabe der Restitutionsabteilungen ist seitdem, so Lucian Simmons, die „Erben bei der Zurückgewinnung ihrer Objekte oder Sammlungen zu beraten und zu unterstützen.“ Auf keinen Fall aber würden die Auktionshäuser Erben aktiv auf einen möglichen Anspruch aufmerksam machen. Im Fall des Kirchner-Bildes sagt Andreas Rumbler daher: „Wir würden nie in die Museen gehen, eigene Nachforschungen anstellen.“

Völlig unstrittig ist, dass Enteignungsverfahren geheilt werden müssen. Gleichwohl gibt es Stimmen, welche die Provenienzforschung der Auktionshäuser infrage stellen. Michaela Neumeister, Geschäftsführerin des Auktionshauses Phillips, de Pury & Company, sagt: „In speziellen Restitutionsabteilungen recherchieren Experten – wie auch Galeristen und Sammler dies tun – den Verbleib und die potenzielle Rückführung von Kulturgütern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man diese Provenienzforschung betreibt, um nicht davon zu profitieren.“ Ludwig von Pufendorf, Vorsitzender des Freundeskreises Brücke-Museum, greift Christie’s sogar konkret an. Das Auktionshaus habe den gesamten Rückübertragungsprozess finanziert. „Hier wird mit einem ganz schwierigen Tatbestand unserer Geschichte ein Kommerzialisierungsprozess betrieben, der sehr sensibel behandelt werden muss und der meines Erachtens auch öffentlich diskutiert werden muss.“

Für Martin Roth, Generaldirektor der Dresdner Museen, geht es nicht mehr um Kunst. „Es geht nur noch um Spekulation und Geld.“ Vor allem die Museen im Osten Deutschlands würden regelrecht durchforstet. „Das ist alles sehr strategisch geplant“, so Roth.

In vielen Restitutionsfällen haben mehrere Erben Anspruch auf das Werk. Dieses ist in der Regel unteilbar und muss verkauft werden, damit jeder Berechtigte seinen Anteil bekommt. „Wenn die Auktionshäuser einen Fall ausfindig machen, ist es für sie doch klar, dass sie finanziell davon profitieren“, sagt der Berliner Kunsthändler Wolfgang Wittrock.

Neben den Auktionshäusern spielen in Rückgabeverfahren auch Kanzleien eine wichtige Rolle. Wittrock: „Nach meiner Erfahrung ging bisher immer alles über Rechtsanwälte: Die suchen ein Werk, suchen den Erben dazu, kontaktieren die Person und unterbreiten entsprechende Verfahrensvorschläge.“ Die Hess-Erben im Kirchner-Fall vertritt die New Yorker Kanzlei Rowland & Petroff. Sie ist auf Restitutionsverfahren spezialisiert und war zum Beispiel auch an der Rückführung des Gemäldes von Caspar David Friedrich „Der Watzmann“ beteiligt. In den USA vereinbaren die Anwälte mit ihren Klienten in der Regel Erfolgsbeteiligungen – circa 50 Prozent des Verkaufswertes. Bei dem Kirchner-Bild wären das 9 bis zu 12,5 Millionen Dollar. Wolfgang Wittrock geht so weit: „Die Museen sollten auf keine Restitutionsbriefe mehr reagieren. Sonst können sie abends gleich die Tür auflassen und darüber schreiben: Selbstbedienungsladen.“

Das Schweizer Ernst-Ludwig-Kirchner-Archiv, der Förderkreis des Brücke-Museums und die Villa Grisebach haben ein Protestschreiben veröffentlicht. Darin werfen sie dem Berliner Senat vor, das Gemälde sei auf eine „bloße, durch nichts bewiesene Behauptung hin“ restituiert worden. Kultursenator Thomas Flierl bedauerte den Verlust des Bildes, erklärte aber, alles sei rechtens gewesen. Experten aber befürchten, dass sechzig bis achtzig weitere Bilder betroffen sein könnten.

Kirchners „Berliner Straßenszene“ (1913) gehörte dem Erfurter Schuhfabrikanten

Alfred Hess , einem Sammler des deutschen Expressionismus. Der Unternehmer hatte wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkaufte deshalb immer wieder Bilder. Entgegen bisheriger Informationen soll er 1929 aber nicht insolvent gewesen sein. Er starb 1932.

Seine Frau Thekla brachte 1933 einige Werke in die Schweiz, darunter die Straßenszene .

Drei Jahre später schickte Thekla Hess das Bild nach Deutschland zurück. Der Expressionismus-Sammler Carl Hagemann kaufte es vom Kölner Kunstverein. Nach Hagemanns Tod 1940 schenkte es dessen Witwe dem damaligen Direktor des Museum Städel in Frankfurt, Ernst Holzinger .

1980 wurde das Bild schließlich für 1,9 Millionen Mark (950 000 Euro) an das Berliner Brücke-Museum verkauft. Am 30. Juli restituierte der Berliner Senat es an die Erben von Alfred Hess. Das Auktionshaus Christie’s soll dem Land Berlin den

damaligen Kaufpreis von 1,9 Millionen Mark bereits erstattet haben.

Bei Christie’s wird

Kirchners Werk am 8. November zum Schätzpreis von 18 bis 25

Millionen Dollar in

New York angeboten.

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