Kultur : Zurückhalten, bitte!

JAN GYMPEL

Denkmalschutz kann eine heitere Sache sein."Bei der Sanierung des U-Bahnhofs Nollendorfplatz bleibt die historische Fliesenverkleidung so weit wie möglich erhalten", informierte beispielsweise die BVG vor einiger Zeit auf einem Schild.Wer seinen Blick dann auf die Bahnsteighallen lenkte, sah nackte Wände und Stützen, von denen fast sämtliche Keramik abgeschlagen war.Statt Fliesen in einem hellen, bläulichen Grau, die stellenweise ins Violette, stellenweise ins Braune spielten, kleben an den Wänden nun einfarbige Platten, die mal Grau, mal Blau, mal Braun sind: An die Stelle sanft changierender Flächen ist ein unruhiger Flickenteppich getreten.

Berlin, das bis vor kurzem die vielfältigste und besterhaltene Verkehrsarchitektur mindestens Deutschlands besaß, hat im Modernisierungsrausch der letzten Jahre einen Großteil davon eingebüßt.Wie am Nollendorfplatz sind inzwischen - mit Kriegs- und Nachkriegsverlusten - mehr als die Hälfte der Bauten von Berlins bedeutendstem U-Bahnarchitekten Alfred Grenander entweder ganz verschwunden oder zu grotesken Zerrbildern verunstaltet worden.Ganzen Epochen wurde oder wird auf Berlins ausgedehnten U-, S- und Fernbahnanlagen mittlerweile der Garaus gemacht: Zerstört sind praktisch alle qualitätvollen Zeugnisse der fünfziger Jahre bei der S-Bahn wie die Empfangsgebäude von Gesundbrunnen, Halensee, Schönhauser oder Landsberger Allee.Verschwunden sind nahezu sämtliche Beispiele der beginnenden Moderne, insbesondere der Bahnsteigaufbauten, wie man sie etwa auf der Strecke nach Bernau finden konnte.Und mit dem U-Bahnhof Rathaus Neukölln verabschiedet sich jetzt das letzte vollständig erhaltene Vergleichsstück für Grenanders Bahnhofsgestaltungen der frühen zwanziger Jahre, derweil sein wohl bedeutendstes Ensemble, die U-Bahn-Linie 8 zwischen Gesundbrunnen und Leinestraße mit ihrer subtilen farbigen Fliesenverkleidung, der Vernichtung entgegensieht.

Retten könnte man die Fliesen, die nach siebzig Jahren vielerorts nicht mehr ganz fest an den Wänden sitzen, durchaus.Auf Druck der Denkmalschützer ist dies auf dem U-Bahnhof Potsdamer Platz vorexerziert worden.Doch Denkmalpflege macht Mühe, statt 08/15-Vorgehen gilt es kreative Lösungen zu finden.Also werden die abstrusesten Begründungen für den Kahlschlag lanciert: Erst hieß es, in die entstandenen Hohlräume zwischen Wand und Fliesen Kunstharz zu pressen, gehe gar nicht.Als dies widerlegt war, hieß es: "Das hält aber nicht lange." Da auch nach rund fünf Jahren noch keine Fliesen abgefallen sind, verstieg man sich gar zu der Behauptung, die Finsternis, die die historische Fliesenverkleidung verbreite, gefährde die Sicherheit: Bei der BVG findet man das strahlende Orange des Bahnhofs Rosenthaler Platz, das helle Gelb in der Station Jannowitzbrücke, das intensive Türkis am Alexanderplatz dunkler als das schmuddelige Beige, mit dem man vor rund einem Jahrzehnt die untere, zuvor gelb geflieste Bahnsteighalle am Zoo auskleiden ließ oder das Dunkelgrün, das die Senatsbauverwaltung auf dem Bahnhof Wittenau einbaute.Auch von gesundheitsschädlichen Gasen war die Rede, die beim Abbinden des Kunstharzes entstünden.Außerdem müsse man Verschalungen anbringen, diese an den Bahnsteigkanten abstützen, das Gleis vor den behandelten Wänden also sperren.Und zwar länger als die nächtliche Betriebspause dauert.

Zur Rettung unersetzlicher Architektur erscheint dies der BVG unmöglich.Gilt es den Bahnkörper zu sanieren, sieht die Sache anders aus.Von diesem Wochenende an wird deshalb das gerade einmal vierzig Jahre Nordende der U 6 zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Tegel für sieben Wochen gesperrt.Auch bei der dabei angekündigten Renovierung der durchweg denkmalgeschützten Bahnhöfe muß man sich wieder auf Verluste an Originalsubstanz gefaßt machen.Noch kann man an den beiden ersten Teilstrecken, die nach dem Krieg eröffnet wurden, ablesen, wie Bruno Grimmek - damals in der Senatsbauverwaltung mit den Bahnhöfen betraut - zu seinem Stil fand.

Mit der Station Borsigwerke hatte Grimmek den Prototyp für die ersten Bahnhöfe der ganz neuen, damals bundesweit beachteten U 9 gefunden, die 1961 eröffnet wurde.Einzige Unterschiede: Die Stangen, zwischen die die Namensschilder gespannt sind, reichen hier noch teilweise bis zum Boden und enden nicht, wie auf der U 9, in Höhe der Sitzflächen der Bänke; dieselben filigranen Buchstaben mit einheitlicher Strichstärke wurden noch direkt auf die Bahnhofswände montiert.Borsigwerke war neben Hansaplatz der letzte Bahnhof, auf dem man all diese Ausstattungsstücke finden, den eleganten Schick der Aufbaujahre erleben konnte.Überall sonst sind die Schilder, auf der gesamten U 9 mit Ausnahme von Amrumer Straße auch die Bänke bereits beseitigt worden, von neuen Wandverkleidungen, klobigen Aufbauten, ungeformten Handläufen, bepinselten Zugzielanzeigern und dergleichen gar nicht zu reden.

Natürlich kann man sagen: Was sind schon ein paar Bahnsteighäuschen, Bänke, Schilder, Abfalleimer, Rolltreppenverkleidungen, Türgriffe? Nur: Bei dieser gewollt sparsamen, klaren, modernen Architektur zählt jedes Detail.Geht all dies verloren, verliert der Bahnhof sein Gesicht.An die Stelle von individueller Gestaltung, eines architekturhistorischen Zeugnisses, ablesbarer Entwicklungslinien, tritt eine ästhetische Einheitssoße wie die klobigen großen Plastikschilder, die gnadenlos überall angebracht werden, einerlei ob sie in das Ambiente passen oder nicht, wie die Drahtstühle, durch die die BVG seit einiger Zeit sämtliche Bänke ersetzen läßt.Schreinerhandwerk wird durch billig wirkende, gesichtslose Fabrikware verdrängt.Berlin hat die älteste U-Bahn Deutschlands und architekturhistorisch vielleicht die interessanteste Europas - gehabt.Mehr und mehr bieten die Stationen ein Bild stillosen Mischmaschs.So glaubt die BVG, der doch die Fahrgäste weglaufen, die U-Bahn besonders attraktiv zu machen!

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