Kultur : Zurückhaltung bei Diplomaten und Politikern wegen des Kaukasus-Krieges

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Es begab sich aber an dem Tag, an dem die ersten russischen Soldaten in Grosny einrückten, dass eine Einladung ausging von der Russischen Vertretung in Berlin zu einem Adventskonzert. Und diese Einladung war die allererste nach dem Umzug der Botschaft aus Bonn. Aber nicht jedermann kam, auf dass er hören könne die Meisterwerke russischer Chorkunst. Denn von dem Frieden auf Erden, den der Akademische Kammerchor Moskau besang, war die Provinz Tschetschenien unter Landpfleger Nikolaj Koschman weit entfernt ...

Gleichwohl war es auch diesmal ein großes gesellschaftliches Ereignis. Der Konzertsaal des repräsentativen Baus im Stalin-Barock Unter den Linden war dicht gefüllt, selbst an den Wänden standen noch Gäste. Nur beim näheren Hinsehen wies die Hierarchie der üblichen Gäste einige Lücken auf: kein hochrangiger Vertreter des Senats - das Protokoll betonte, dahinter steckten nicht politische Absichten, sondern reine Terminprobleme; kaum Mitglieder des Bundestages - bis auf Friedbert Pflüger (CDU), der unterstrich, er sei trotz großen Termindrucks gekommen, damit die Gastgeber nicht den Eindruck bekämen, wegen des Kriegs im Kaukasus würden alle Brücken abgebrochen; auch fast keine Angehörigen des Diplomatischen Corps in Berlin - einige Botschafter hatten, wie sie auf Anfrage sagten, in diesem Jahr keine Einladung erhalten; die Russische Botschaft bestätigte, je nach Anlass würden die Listen geändert. Diesmal also überwiegend russischsprachige Gäste.

Und wie stets großartige Stimmen, die das Repertoire von Weihnachtsliedern über Opernfragmente und imitiertes Vogelgezwitscher bis zu den im deutschen Russlandbild wohl unvermeidlichen "Schwarzen Augen" und "Moskauer Abenden" spielerisch beherrschten. Der Gesang vor Weihnachten habe einen besonderen Rang in der Geschichte der Kunst und in der Geschichte der Zivilisation, philosophierte Botschaftergattin Anna Krylowa. Als besonderes Geschenk an die deutschen Gäste präsentierte sie als Zugabe drei Knaben mit einer süßlichen Fassung von "Guten Abend, gute Nacht". Ob dieser Wunsch die Kindern in Grosny einschließt?

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