Kultur : Zusammenbruch an der Sexfront

Gibt es eine Literatur nach dem Skandal? Heute erscheint Thor Kunkels Nazi-Porno-Roman „Endstufe“

Harald Martenstein

Nichts mehr über die Vorgeschichte dieses Buches. Doch. Eine Sache.

Vor einigen Tagen wurde eine Hitlerfigur, wie man sie in allen Madame-Tussaud-Filialen dieser Welt findet, aus einem Berliner Wachsfigurenkabinett entfernt. Zu gefährlich. Ein Engländer hat einen Unterhaltungsroman geschrieben, „Vaterland“. Thema: Wie würde die Welt heute aussehen, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten? Ein Italiener hat eine sentimentale Komödie gedreht, die im KZ spielt, „Das Leben ist schön“. Hätten deutsche Künstler das Gleiche tun dürfen? Kunst ist immer der Versuch, etwas Ungesagtes zu sagen. Wenn sich Deutsche in künstlerischer Absicht der NS-Zeit nähern, herrscht allerdings häufig ein unangemessenes Grundmisstrauen. Diese Skandalstimmung kommt in der Regel nicht von außen, sondern von den Deutschen selber. Der Künstler, der sich für die NS-Zeit interessiert, hat erst einmal zu beweisen, dass er kein Nazi ist. Es gibt keine Unschuldsvermutung, wie sonst.

Das ist Unsinn. Nazisein ist nicht erblich, es steckt nicht in den Genen. Wer glaubt, dass die Deutschen ein Nazi-Gen besitzen, ist auch wieder ein Rassist. Daraus folgt: Es gibt in der Kunst keine Sondergesetze für Deutsche. Wenn die Londoner vom Anblick einer Hitlerpuppe aus Wachs nicht zu Nazis werden, dann wird es sich mit den Berlinern wohl genauso verhalten. Zwei oder drei Tabus sind unverzichtbar, zum Beispiel die Leugnung der NS-Verbrechen oder ihre Verherrlichung. Abgesehen davon ist Kunst frei, und Kunst bedeutet immer Risiko. Das Risiko, missverstanden zu werden, Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Oder zu scheitern.

Die Nazis stehen für beides, die Industriegesellschaft und die Angst davor. Sie redeten von Rasse und Scholle, aber statteten als erste Partei der Welt ihre Zentrale mit Computern aus, die damals „Hollerithmaschinen“ hießen. Der Berliner Autor Thor Kunkel, geboren 1963, versucht in seinem Roman „Endstufe“, die Nazizeit als einen Schritt auf dem Weg des modernen Kapitalismus zu sich selbst zu beschreiben. Denn Moderne bedeutet auch Barbarei: Egoismus, Recht des Stärkeren, Fall der ethischen und moralischen Grenzen, der Mensch als Objekt, das aussortiert wird, wenn es wertlos erscheint oder stört. „Wille und Macht stehen über Geist und Recht“ – ist das ein Nazisatz, oder einfach nur modernes Denken?

Dies also ist Thor Kunkels Grundidee: 1933 fand kein Zivilisationsbruch statt, sondern die vorübergehende Zuspitzung einiger Prinzipien, die auch heute noch gelten. Die Nazis waren moderner, als wir glauben. „Ein Zwischenreich ohne moralische und ethische Grenzen“, heißt es bei Kunkel, in dem „das Mechanische in der Seele entdeckt“ wurde. Ganz neu ist dieser Gedanke nicht, aber er wirkt immer noch ziemlich unbehaglich.

Für die Wandlung des Menschen zum ökonomisch nutzbaren Objekt ist die Pornografie ein gutes Beispiel. Kunkel erzählt von einer Gruppe, die mitten im Krieg halblegal Pornofilme herstellt. Solche „Sachsenwald-Filme“ gab es wirklich. Die Nazis waren auch Pioniere der Sexindustrie: Auf Heinrich Himmlers Befehl wurde im Deutschen Hygiene-Institut die erste realistische Sexpuppe der Welt gebaut, „Gummidirne Borghild“, deren Aufgabe die „Triebregulierung des Landsers“ sein sollte. Nach 1945 setzte die ehemalige Luftwaffen-Pilotin Beate Uhse diesen Weg fort. Und obwohl die Partei offiziell Prostitution verfolgte, waren die sündigen Zwanzigerjahre 1933 nicht einfach zu Ende, im Gegenteil, das Nachtleben ging weiter, im Krieg erst recht. Die NSDAP war auch die Partei der lebenshungrigen Karrieristen.

Die Hauptfigur des Romans arbeitet im SS-Hygieneinstitut, die schwarze Uniform hat Hugo Boss geschneidert. Es sind Dandys und Bohemiens. Man fährt Alfa und lutscht Opiumpastillen, macht FKK auf Sylt und trinkt Martinis in St. Moritz, kokst und hört Jazz. Man sagt: „Wir sind der Fortschritt. In ein paar Jahren werden wir in Deutschland auch die besten Orgasmen haben.“ Nach dem Krieg gründet der Held in Las Vegas unter dem Motto „Alles bejahen, nichts verneinen“ eine Sexreligion.

„Endstufe“ beruht auf einer viel versprechenden Idee. Der Roman ist keineswegs skandalös. Er ist allerdings enttäuschend und gedanklich wirr. Über weite Teile ist es gar kein Roman, sondern ein Traktat, in dem Kunkel relativ unsortiert seine häufig interessanten, gelegentlich auch uninteressanten Gedanken zu allen möglichen Themen mitteilt. Dies ist der bessere Teil des Buches. In dem weniger guten Teil wird in uferloser Weitschweifigkeit eine kolportagehafte Geschichte zusammenschwadroniert, mal in der Tonlage einer Groteske, mal in der eines Melodrams. Es liest sich, als habe Kunkel den Zettelkasten mit den Früchten seiner Recherchen ausgekippt und nach dem Zufallsprinzip abgearbeitet. Spätestens, wenn Kunkel die Schlacht von Stalingrad auf Ende 1941 datiert, verliert man ein wenig das Zutrauen zu diesen Recherchen.

„Als sie die Tür hinter ihm schloss, hatte er sich bereits entblößt. Was für ein Kolben, sagte sie, bar jeder echten und falschen Scham. Er überprüfte ihren Pegelstand und führte ihn ein.“ So in etwa geht das die ganze Zeit. Eine Dame lässt sich „Sieg Geil“ in Fraktur auf den Hintern tätowieren, ein Herr hat eine künstliche Vagina überm Schreibtisch hängen, und bekommt dieselbe irgendwann übern Kopf gestülpt, woran er erstickt. An härtestem Trash wird hier einiges geboten. Kunkel wird von seinem Verlag mit allen möglichen Riesen verglichen, Pynchon, Tarantino, Houellebecq. Richtig daran ist, dass „Endstufe“ epigonal und kalkuliert wirkt. Trotz der häufig wechselnden Tonlage klingt das Buch monoton. Es langweilt, es ist entsetzlich öde und, wenn man das Skandalgewese um einzelne Zitate einmal beiseite lässt, vollkommen belanglos.

Denn es fehlt ihm eine geistige Haltung, die jenseits seiner Figuren liegt. Aus Houellebecqs Texten hört man Verzweiflung heraus und spürt eine fast kristalline Intelligenz, hinter Tarantinos Sarkasmus steckt verschmähte Menschenliebe. Wenn Thor Kunkel erzählt, spürt man nur den Ehrgeiz, alles zusammenzurühren, was Erfolg verspricht. Nicht die bis zur Ermüdung wiederholten Rammelszenen machen das Buch unsympathisch, auch nicht Verstöße gegen Regeln der politischen Korrektheit. Nein, es ist der meist witzelnde, kalauernde Grundton, ein empathiefreier, mit NS-Jargon allzu prahlerisch angereicherter Offiizierskasino-Erzählsound, der so überhaupt nicht zur immerhin ziemlich moralischen Grundthese passt. Die Schilderung der Massenvergewaltigungen im Berlin des Jahres 1945 zum Beispiel fällt genüsslich und behaglich aus, anders kann man es nicht nennen. Es ist, wohlgemerkt, der Ton des Erzählers, nicht der seiner Figuren.

Der schlimmste Verdacht: Thor Kunkel weiß nicht, was er tut. Seine Interview-Phrasen klingen jedenfalls danach. „Der Roman hat eine visionäre Dimension. Ich verstehe mich auch als Mahner.“ Konkret liest sich die Mahnung so: „Ihr Unterleib zuckte auf seinem Panier. Oh Karl, das ist ja… Oh ja…ja…Du hast mich geheilt…“. Auf dem Buchumschlag tut der Autor dann das, was ein Autor besser nicht tun sollte, er interpretiert sich selber: „Ich glaube, es ist wichtig, das Dritte Reich unter dem Aspekt der Verführung und Verblendung zu sehen. Ich benutze die Pornografie als poetische Metapher, um das Phänomen Drittes Reich vollständig zu erfassen. Ich zeige den Intimitätsverlust und die Perversion, die der Faschismus beinhaltet.“ Das klingt naiv und größenwahnsinnig zugleich - „das Dritte Reich vollständig erfassen"? Oh Thor, das ist ja …

Ein Autor stellt sich großspurig in Tarantino-Pose auf und sichert sich im Klappentext hasenfüßig ab. Warum? Ganz einfach: Weil er das, was er eigentlich sagen wollte, mit seinem Buch nicht sagen konnte.

Thor Kunkel: Endstufe. Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2004. 589 S., 24,90 €. – Öffentliche Buchpremiere heute um 20.30 Uhr in der Kalkscheune, Johannisstr. 2, 10117 Berlin.

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