Zuschüsse : Kultursubventionen: Gerecht und billig

Insgesamt ließ Berlin sich seine Kultur 2010 rund 496 Millionen Euro kosten. Kunst hat ihren Preis – ihr Wert ist ein ganz anderer. Vom Nutzen der Subventionen.

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Was kostet der Abend? Szene aus Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Strawinskys "The Rake's Progress" an der Berliner Staatsoper.
Was kostet der Abend? Szene aus Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Strawinskys "The Rake's Progress" an der Berliner...Foto: Ruth Walz

Alle Jahre wieder fallen von Flensburg bis Lindau, von Cottbus bis Neuss die Erbsenzähler in die deutsche Kulturlandschaft ein und malen den Teufel an die Wand. Die Kommunen: pleite! Die Eigeneinnahmen: verschwindend! Die Kunst: am Volk vorbei! Die Wirtschaftlichkeit: ein Hohn! Die Direktoren und Intendanten: Kleine Sonnenkönige, die auf ihren Erbhöfen hocken. Selbst den streng hierarchisch durchsubventionierten Bayreuther Festspielen sitzt seit vergangenem Herbst der Oberste Bayerische Rechnungshof im Nacken, der Kartenvergabepraxis wegen. In Berlin ist es fest im kulturpolitischen Erregungskalender des Frühjahrs verankert, die Zuschüsse, die das Land aufwendet, damit der hauptstädtische Kunstgenuss vor allem für die Hauptstädter selbst bezahlbar bleibt, gegen Kitas, Altersheime, Polizeifahrräder und umweltfreundliche Hundehaufentütchen in Stellung zu bringen.

Und alle Jahre wieder die gleichen Argumente dagegen: das Land der Dichter und Denker! Bildungsstandort! Bildungsauftrag! Der Reichtum unserer Tradition! Arm aber sexy! Umwegrentabilität! Kultur als Wirtschaftsfaktor! Undsoweiter– undsoermüdend. Fast glaubt schon keiner mehr richtig dran.

Das Zahlenwerk mag von Jahr zu Jahr changieren, die Diskussion bleibt sich treu. Natürlich muss und kann man erklären, warum der Steuerzahler (der immer dann ins Feld geführt wird, wenn's keiner gewesen sein will) einen Besuch der Berliner Staatsoper 2009 mit 186,10 Euro subventioniert hat und warum es 2010 wackere 248 Euro sein müssen. Das Stammhaus Unter den Linden wird gerade renoviert, vergessen? Und weil das Übergangsquartier Schiller Theater deutlich weniger Plätze aufweist (minus 300) und die Spielzeiten nicht länger werden und das Personal nicht billiger und weil, vor allem, die künstlerische Qualität gewahrt bleiben soll, muss für die nächsten drei Jahre eben eine Schippe draufgelegt werden. So einfach ist das manchmal, wenn eine Stadt, ein Land, ein Staat sich zu seiner Kultur und Hochkultur bekennt.

Ansonsten aber ändert sich wenig. Dank 14,3 Millionen Euro an Landeszuschüssen mehr für die Kultur in Berlin als im Vorjahr, dank eines gemeinsam erwirtschafteten Plus und vielfältiger Anstrengungen der insgesamt 26 Institutionen in den Bereichen Marketing und Controlling heißt es im Jahresbericht des Abgeordnetenhauses für die Theater und Orchester bei den allermeisten unterm Stichwort „Finanzielle Gesamtbewertung“ nun: „0“ = unproblematisch. Deutsches Theater, Berliner Ensemble, Friedrichstadtpalast und Theater an der Parkaue kriegen sogar ein „+“ (positiv), nur Schaubühne, Gorki Theater und Sasha Waltz werden mit „!“ (problematisch) eingestuft. Die Statistik mag nicht immer transparent und en detail nachvollziehbar sein, ein Ansporn, auf diesem Weg weiterzumachen, ist sie allemal.

Wo bleibt, fragt man sich angesichts solcher Konsolidierungssymptome, der Protest der Veganer gegen den Butterberg, der der Landratten gegen das Matrosenwesen, der der Geld-aus-dem- Fenster-Werfer gegen die Sparerfreibetragsfetischisten, der der Zahnprophylaxler gegen die Gebissträger? In Deutschland gibt es (fast) nichts, was nicht subventioniert wird, offen oder gut versteckt. Warum geht es dann immer und zuallererst der Kultur an den Kragen? Neid? Masochismus? Weil’s Spaß macht, in Zeiten von Finanzkrise und Hartz IV auch den vermeintlich Besserverdienenden eins reinzuwürgen? Oder weil wir gegenüber unserer erdrückenden Tradition ein schlechtes Gewissen haben und amerikanisch-darwinistische Verhältnisse herbeisehnen? Dann würde endgültig nur mehr gespielt, gesungen und getanzt, was gefällt. Und was sich rechnet. Ist es das, was sich niemand zu sagen traut?

Insgesamt ließ Berlin sich seine Kultur 2010 rund 496 Millionen Euro kosten. Das klingt viel, angesichts einer zu erwartenden Neuverschuldung des Landes bis 2011 von über 66 Milliarden aber sind es Peanuts. Nicht dass demnach sowieso alles egal wäre. Der besagte Kultur-Reflex aber wird noch unverständlicher.

Ein Instrument in der Debatte zieht mal wieder ganz besonders: das der Kannibalisierung. Man bringe die drei Berliner Opernhäuser gegeneinander auf (was vor Gründung der Opernstiftung fast glückte), die großen Sprechbühnen gegen die kleinen, die konzeptgeförderten Privattheater gegen die dauersubventionierten Staatstempel – und schon scheint sich die Sache selbst zu bereinigen. Dabei tönen die Rufe nach „Gerechtigkeit“ und „Wettbewerb“ in der Kulturförderung, die dieser Tage aus den Reihen der Opposition im Abgeordnetenhaus laut werden, arg populistisch. Gerecht ist, wer allen gleich viel gibt? Gerecht ist, was am wenigsten kostet?

Um zu einer Verständigung und Selbstverständigung zu kommen, müssten wohl erst die Fragen dahinter geklärt werden. Woran bemisst sich Gerechtigkeit? An Leistung, an Kontinuität, am Erfolg? Wann ist Kultur erfolgreich? Bei einer Auslastung von 100 Prozent und satten Gewinnabwürfen? Mit eifriger Kinder- und Jugendarbeit? Mit konsequent unangepassten Programmen? Mit sieben Uraufführungen statt dem x-ten „Ring des Nibelungen“? Was ist Qualität?

Der Fantasie und der leidenschaftlichen Analyse sind hier keine Grenzen gesetzt. Diese Debatte könnte sich lohnen, politisch, ästhetisch. Um alte Vorurteile auszurotten. Und damit wir wieder wissen, was wir mit Zähnen und Klauen verteidigen.

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