Kultur : Zwangspfand: Politik in Dosen

Ulrike Fokken

Umweltminister Jürgen Trittin geht der Einwegflasche an den Hals. Ab Januar 2002 sollen Verbraucher rund fünfzig Pfennig Pfand für Einwegflaschen aus Kunststoff und Glas und für Getränkedosen zahlen. Für die Magnumflasche Cola ab 1,5 Liter lässt der Konsument dann sogar über eine Mark Pfand an der Kasse.

Allerdings gilt ab dem 1. Januar der Euro, und so hört sich das Zwangspfand mit 0,25 und 0,50 Euro recht moderat an. Der Opposition von FDP und CDU ist das Pflichtpfand immer noch zu hoch. "Ökologisch kontraproduktiv" sei die Zwangspfandregelung, wetterte gestern Birgit Homburger, umweltpolitische Sprecherin der FDP. Aus wirtschaftlichen Gründen sei das Pfand zudem "unvertretbar". CDU-Wirtschaftsfachmann Matthias Wissmann sieht "neue Belastungen" auf die Wirtschaft zukommen, und überhaupt sei das Dosenpfand "ineffektiv und ohne jede ökologische Lenkungswirkung". Diese Aussage wirft ein bezeichnendes Licht auf die Umweltpolitik der CDU-Regierung, der auch Matthias Wissmann angehörte. Schließlich hatte die Kohl-Regierung Anfang der neunziger Jahre die Verpackungsverordnung erlassen und sie 1995 zum ersten Mal novelliert. Darin hatte die Union festgeschrieben, dass Dosen automatisch ein Pfand bekommen, wenn der Mehrweganteil mehrfach in Folge unter 72 Prozent sinkt.

Das ist nun der Fall. Der Mehrweganteil für Bier und Brause sinkt seit Jahren und ist mittlerweile bei knapp 68 Prozent angelangt. 1980 kauften die Verbraucher noch rund 76 Prozent ihrer sprudelnden Getränke samt Bier in Mehrwegflaschen. Vor allem Bier erfreut sich offenbar in Dosen großer Beliebtheit. Innerhalb von nicht mal zehn Jahren hat sich der Marktanteil von Dosenbier verdoppelt und liegt heute bei 24 Prozent. Die Tendenz zur Dose macht vor allem kleinen und mittelständischen Brauereien zu schaffen. Für sie lohnt sich eine Dosenabfüllanlage nicht. Außerdem lehnen die meisten Brauer die Dose für ihr Produkt aus Prinzip ab: Damit das Bier auch nach der Abfüllung noch lange frisch schmeckt und die Kohlensäure erhalten bleibt, ziehen sie vor der Abfüllung den Sauerstoff aus der Flasche. Dosen klappen bei diesem Prozess zusammen, so dass Dosenbier entsprechend schnell schlapp macht.

Aber Umweltminister Trittin hatte weniger kulinarische Gründe für seine gestern vom Kabinett verabschiedete Novellierung der Verpackungsverordnung. Das Zwangspfand käme automatisch auch mit der alten Verordnung, allerdings nur für Bier und nicht für Coladosen. "Das wäre wohl kaum zu vermitteln", sagt Trittin. Und so trifft es nun alle Dosen aus Weißblech und Aluminium und nicht wiederbefüllbare Flaschen aus Kunststoff und Glas. Trittin stützt sich dabei auf eine Ökobilanz des Umweltbundesamtes vom vergangenen Jahr. Die Experten haben die Behälter von der Wiege bis zur Bahre untersucht und geben Mehrwegflaschen aus Kunststoff und Glas und Kartonverpackungen eindeutig den Vorrang vor den Wegwerfgebinden aus Blech, Alu, Glas oder Kunststoff.

Der Einzelhandelsverband verdammte das Pfand auch gestern wieder als "teuer und lästig". Die Einzelhandelsketten rechnen mit 2,5 Milliarden Mark Kosten für die Automaten, Trittin hat zwei Milliarden Mark Mehrbelastung ausgerechnet. Jährlich müssten die Unternehmen 265 Millionen Mark mehr für Verpackungen ausgeben. Eine Verpackung werde damit um 1,84 Pfennig teurer, was der Umweltminister für "zumutbar" hält. "Das ist ein wesentlicher Schritt weg von der Ex- und Hopp-Mentalität", sagte Trittin. Denn wer wird schon fünfzig Pfennig ins Gebüsch werfen, wenn er sie sich am nächsten Kiosk abholen kann? Die Vermüllung der Landschaft werde weniger, und die eingesammelten Gebinde könnten besser wiederverwertet werden.

Nach Schweden ist Deutschland das zweite Land in der Europäischen Union, das ein Dosenpfand eingeführt hat. Vorausgesetzt, der Bundesrat stimmt zu. Ökologisch rigider als Trittin ist in der EU nur Dänemark. Die Dänen haben Dosen verboten und kämpfen in Brüssel hartnäckig für ihr Verbot.

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