Kultur : Zwanzig Sonnen und ein Apfel

Bilder einer Freundschaft: Alexander Calder und Joan Miró in der Fondation Beyeler bei Basel

Volker Bauermeister

„Constellation“: Das Wort taucht bei beiden auf. Bei Miró am Anfang der Vierzigerjahre als Titel einer Serie von Gouachen. Für Calder war das Duo von Sonne und Mond das Modell aller räumlichen Konstellationen. Der Erfinder der Mobiles hat sie zur beweglichsten Vielfalt entwickelt. Und „Calder/Miró“, das ist nun die Konstellation einer Ausstellung, die die beiden Poeten des weiten Spielraums im Nebeneinander zeigt: Die Fondation Beyeler schreibt damit die Geschichte einer Freundschaft, die im Paris der Zwanzigerjahre begann und den Amerikaner Alexander Calder und den Spanier Joan Miró lebenslang verband.

Abgesehen vom Biografischen ist es die Geschichte einer ästhetischen Korrespondenz. Dies haben sie gemeinsam: Lust und Mut zum Spiel mit dem Ungefügten. Für beide heißt das Spielfeld auch Zirkus. Der so unbeweglich anmutende Calder ist ein Artist mit Zange und Draht, und sein miniaturhafter „Cirque Calder“ bald eine Adresse unter Eingeweihten: Arp schaut zu, Léger, Man Ray und schließlich Miró, der dem Freund im Seeelefantenleib eine „Nachtigallenseele“ attestiert.

Nicht weniger schwerelos mutet er selber an, nachdem ihm das Gewicht der Dinge verloren ging, alle Gefüge zerbrachen. Den Tanz auf den Trümmern nennt Miró „Zirkus“ oder „Die Geburt der Welt“. Die Bildgründe färben sich so tiefblau ein, wie der Himmel, wenn man ihn nicht von der Erde aus betrachtet. Und der Calder der hyperleichten Gebilde scheint Miró wie einen Spielball aufzunehmen, um im selben Moment sein altes Vorbild der Himmelskörper vor sich zu haben. Manches von Miró andererseits, das nun den Raumgespinsten des Freundes an die Seite gestellt ist, sieht aus, als hätte es die Bewegung „Sandy“ Calders malerisch verinnerlicht.

Im Pavillon der spanischen Republik bei der Pariser Weltausstellung 1937 arbeiteten beide Künstler Seite an Seite. Man sollte den Aspekt der Zusammenarbeit allerdings nicht überbetonen. Jeder bewältigte sein Pensum für sich: Miró sein Wandbild, Calder den berühmten Quecksilberbrunnen. Und auch 1946/47 macht jeder seine eigene Arbeit für das „Terrace Plaza Hotel“ in Cincinnati. Bei Beyeler sind sie nebeneinander zu sehen: das weit ausgespannte „Zwanzig Blätter und ein Apfel“-Mobile und das über neun Meter gedehnte Wandbild Mirós. Man sieht, wohin die Freunde sich nach bilderstürmerischen Anfängen bewegten.

Die in der Ausstellung als Höhepunkt inszenierte Begegnung von Cincinnati markiert bei Miró eine Wende. Die Poetik der subtilen Verunsicherung, die das Schöne immer auch als das Unergründliche und als Schrecken sehen ließ, ist zum Dekorationssystem umgeschrieben. Die irritierende Leere der Bildgründe verkehrt sich zum All-over der Sternchen, Augensterne und bezaubernden Monster. Miró ist angekommen, wo ihn der große internationale Erfolg erwartet. Der Weg ist gut vorbereitet in den Blättern der „Constellations“, die er in der Isolation der Kriegsjahre malte. Zehn von ihnen sind in Basel zu sehen.

Und solche Fülle ist nun allerdings nicht nur Stärke, sondern auch Problem der Ausstellung. Man könnte sagen: Sie erliegt ihren Möglichkeiten, indem sie Leihgaben in einem dem verfügbaren Raum widersprechenden Maß auffährt. 130 Leihgaben, die Resonanzraum fordern, müssen sich die Säle teilen.

Die Calder/Miró-Ausstellung nimmt eine Idee auf, die Ernst Beyeler schon vor drei Jahrzehnten in seiner Galerie in der Basler Bäumleingasse durchspielte – und die jetzt allerdings von außen, aus der Phillips Collection in Washington als zweiter Station der Wanderausstellung, an die Fondation herangetragen wurde.

Riehen bei Basel, Fondation Beyeler, bis 5. September. Katalog 58 sFR.

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