• Zweckbau oder Kathedrale Heute fällt der Richterspruch über den Berliner Hauptbahnhof

Kultur : Zweckbau oder Kathedrale Heute fällt der Richterspruch über den Berliner Hauptbahnhof

Klaus Kurpjuweit

Für Bahnchef Hartmut Mehdorn ist das 700-Millionen-Euro-Projekt ein „Zweckbau“, Architekt Meinhard von Gerkan dagegen will ein Kunstwerk schaffen, eine „Kathedrale“ für die Bahn der Zukunft. Wer sich durchsetzt, entscheidet sich heute Mittag. „High Noon“ im Landgericht: Im Streit zwischen dem Bahnchef und dem Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner um die Deckengestaltung im Untergrund geben die Richter ihr Urteil bekannt. Es kann richtungsweisend für die gesamte Baukultur werden.

Für Mehdorn zählt Zeit und Geld. Der neue Berliner Hauptbahnhof, der auf dem Gelände des früheren Lehrter Bahnhofs entsteht, sei „teuer genug“ geworden, sagt Mehdorn. Er will einen Bahnhof – mehr nicht. Dabei galt der Vorgängerbau noch als das Schloss unter den Berliner Kopfbahnhöfen, sein Nachfolger wird schon jetzt von vielen als rudimentärer Koloss kritisiert. Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp sieht in ihm sogar das „größte Desaster, das die Deutsche Bahn den Bürgern jemals zugefügt hat“.

Es geht um die Decke der 430 Meter langen und 80 Meter breiten unterirdischen Halle mit vier Bahnsteigen und acht Gleisen. Gerkan und seine Partner wollten die riesige Halle neogotisch überwölben; mit weit ausladenden Spitzbögen an den Pfeilern. Dazu hatten sie sich eine raffinierte Beleuchtungstechnik ausgedacht. Denn „die Stimmung wird vom künstlichen Licht bestimmt“, so Gerkan. Die indirekte Beleuchtung sollte die Decke strukturieren und den GewölbeCharakter zusätzlich betonen.

Nach von Gerkans Plänen wurde der Beton gegossen; mit einer aufwändigen Schalung, die sich die Bahn im Rohbau noch einiges kosten ließ. Doch jetzt ist die Konstruktion unter einer Flachdecke verschwunden. Nur die Kapitelle der Säulen sind noch schemenhaft zu erkennen – umgeben von blauem Licht. Das Ergebnis ist für von Gerkan „so banal und profan ausgefallen wie in keinem anderen öffentlichen Gebäude“. Es schaffe eine Stimmung „wie bei Aldi oder in einer Lagerhalle“.

Der Projektleiter beim Bau des Hauptbahnhofs, Hany Azer, versteht die Aufregung nicht. „Die Decke ist ein Kompromiss“, sagt er. Einige Ideen der Architekten seien durchaus verwirklicht worden, etwa die wie Stalaktiten an einem Teil der Decke hängenden Leuchten. Von Gerkans Entwurf sei nicht nur zu teuer gewesen, auch der Zeitplan hätte nicht eingehalten werden können.

Und den Eröffnungstermin hat BahnChef Mehdorn festgelegt. Am 28. Mai 2006 sollen die ersten Züge im Zentrum der Hauptstadt halten, wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft. Um diesen Termin einhalten zu können, ließ Mehdorn bereits das oberirdische Ost-West-Glasdach verkürzen – von 430 auf 321 Meter. Nun sieht es aus wie eine gepresste Wurst. Dabei waren alle Teile für das komplette Dach bereits in aufwändigen Verfahren hergestellt.

Damals hatten die Architekten nur protestiert, wegen der Decke klagen sie nun. Sollte von Gerkan vor dem Landgericht verlieren, will er in die nächste Instanz gehen. Damit aus dem Zweckbau doch noch eine Kathedrale wird.

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